Carolee Schneemann — Up to and Including Limits

Katrina Daschner · Pferdebusen, 2017, Videostill, Courtesy Sixpackfilm Vienna

Katrina Daschner · Pferdebusen, 2017, Videostill, Courtesy Sixpackfilm Vienna

Mette Ingvartsen · 21 Pornographies, 2017, Video der Performance. Foto: Marc Domage

Mette Ingvartsen · 21 Pornographies, 2017, Video der Performance. Foto: Marc Domage

Besprechung

Das Muzeum Susch widmet sich dem «Erbe» der 2019 verstorbenen Carolee Schneemann, indem sie diese einer Auswahl von Kunstschaffenden wie Sarah Lucas, Pipilotti Rist, Andrea ­Fraser oder Matthew Barney gegenüberstellt: ein hochkarätiger Dialog um Fragen des emanzipierten Körpers.

Carolee Schneemann — Up to and Including Limits

Susch — Soeben stürmt eine Gruppe halbwüchsiger Mädchen hyperventilierend durchs Treppenhaus des Muzeums, weil sie im Video eine nackte Brust erblickten, während eine Dame von Welt nur missbilligend eine Augenbraue hochzieht. Die Künstlerin Katrina Daschner lotet in ihrem Video ‹Pferdebusen› mit Menschenkörpern, Pferden und Sattelzeug in einer theatralischen Manege die Themen Fetisch und Rollenmodelle aus. Doch was hier Anstoss erregen könnte, ist wohl kaum die Nacktheit, die ja omnipräsent ist! Es sind vielmehr der (weibliche) Körper im gesellschaftlichen Kontext und Identitätsfragen. Diese prägen die meisten Werke, die in ‹Up to and Including Limits: After Carolee Schneemann› Letzterer gegenübergestellt werden – nackt oder nicht: Selbst Elke Krystufek zeigt sich in ihren aktuellen Arbeiten nicht mehr unbekleidet – vielmehr thematisiert sie die Kultur des Sich-selbst-ins-Bild-Setzens an sich. Wenn Nacktheit eingesetzt wird, ist sie meist Mittel einer Befragung, wie in der Videoaufzeichnung der Performance ‹21 Pornographies› von Mette Ingvartsen, die in einer Choreografie und Narration das Verhältnis der heutigen Gesellschaft zum Pornografischen beleuchtet. Im Gegensatz dazu wirkt der Ansatz in Carolee Schneemanns (1939–2019) Werken, etwa ‹Fuses› oder ‹Meat Joy›, weniger analytisch. Ziel war eher eine «lustvolle» Befreiung des weiblichen Körpers und zugleich eine Reflexion der Rolle der Künstlerin. In Susch zeigt sie in frühen Arbeiten wie ‹Pin Wheel›, 1957, einer rotierenden Leinwand, eine hintersinnige Auseinandersetzung mit der damaligen Malerei­tradition, und in der angebrannten Assemblage ‹Controlled Burning: Fireplace› die Vorliebe fürs Experiment und medienübergreifendes Arbeiten – Qualitäten, die Schneemann bis heute lebendig und spannend machen. In einen Dialog tritt die Ausstellung zudem mit den festinstallierten Werken von dreizehn Kunstschaffenden und Kollektiven im Muzeum, etwa mit Heidi ­Buchers Latex­abgüssen. In dem verwinkelten Bau müssen dafür die Wände gut genutzt werden, was zu grosszügigen, aber auch zu kabinettartigen Raumsituationen führt, über­grosse Projektionsflächen wechseln mit kleinen Bildschirmen ab. Im Ganzen ist die von ­Sabine Breitwieser kuratierte Schau nicht als Bilanz heutiger Entwicklungen zu verstehen. Eher bietet sie einen klugen Mix aus Arbeiten seit den Achtzigern, die  längst zu kunstgeschichtlichen Referenzen geworden sind, ergänzt mit einzelnen, ganz unterschiedlichen jüngeren Positionen. 

Bis 
28.06.2020

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