Edward Hopper — Ein neuer Blick auf Landschaft

Edward Hopper, The Lee Shore, 1941, Öl auf Leinwand 71,7 x 109,2 cm, The Middleton Family Collection © ProLitteris. Foto: Photo Art Resource / Scala, Florence

Edward Hopper, The Lee Shore, 1941, Öl auf Leinwand 71,7 x 109,2 cm, The Middleton Family Collection © ProLitteris. Foto: Photo Art Resource / Scala, Florence

Edward Hopper · Gas, 1940, Öl auf Leinwand, 66,7 x 102,2 cm, The Museum of Modern Art, New York, Mrs. Simon Guggenheim Fund © ProLitteris

Edward Hopper · Gas, 1940, Öl auf Leinwand, 66,7 x 102,2 cm, The Museum of Modern Art, New York, Mrs. Simon Guggenheim Fund © ProLitteris

Besprechung

Mit dem prominenten Namen werbewirksam betitelt, zeigt die Schau Edward Hoppers Blick in die amerikanischen Landschaften der 1920er- bis 1960er-Jahre. Die Aufregung um seine Kunst geht aus von einer schwer durchschaubaren Lichtregie. Sie spielt die Verantwortung für den Lauf der Dinge uns zu.

Edward Hopper — Ein neuer Blick auf Landschaft

Basel/Riehen — Alle Menschen haben ein Geheimnis, und ihre Umgebung – Stadt, Küste, Hügelland – hat es auch. Es rührt sich nichts in dieser Malerei: Edward ­Hopper (1882–1967) hat den Sonnenuntergang angehalten und den Schlagschatten von ­Gesteinsformationen. Mit aufgestützten Unterarmen verharrt eine Frau in rotem Sommerkleid im Erker einer sonnenverwöhnten Liegenschaft. Möwen stehen nach links gedreht in Reih und Glied, und nicht einmal einem geblähten Segel traut man wirklich zu, dass es ein Boot vom Ufer weg in die offene See treiben will. Die Stille von Hoppers Bildern unterdrückt alles Anekdotische und liefert umso mehr Treibstoff für subjektive Fantasien: Vor der Gastankstelle fesselt einen das Rätsel um den Mann, der sich – ohne Auto und also ohne Anlass – an einer Zapfsäule zu schaffen macht. In blinden Fenstern darf man einiges vermuten, wie auch in einer namenlosen Frau im Bikini. Häuser sind Platzhalter privater Ereignisse, und der Waldrand weist als stumme Kulisse jede raffinierte Mutmassung zurück. Genau dosiert erscheinen die Ingredienzien für unsere Vorstellungskraft – darin gibt sich ­Edward Hopper ebenso als gelernter Illustrator und Werbegrafiker zu erkennen wie als Künstler mit einem ausgesprochenen Faible für den Film. Immer scheint er anderes zeigen zu wollen, als ein Leuchtturm oder eine Eisenbahnlinie hergeben – darin steht er in einer langen Tradition auch europäischer Malerei, an der er sich schon während seines Studiums in New York und anlässlich einer Reise nach ­Paris ­(1906–1907) geschult hat. Während Kreidezeichnungen ein rasches Erfassen von räumlichen Akzenten verraten, wirkt sein Malen in Öl wie ein Verfahren der langsamen Entfremdung. So schaut man lange verwundert hin, denkt hier an Félix Vallotton und dort vielleicht an die Arbeit mit Versatzstücken, welche die Psychologisierung von Räumen des Künstlerpaars Hubbard & Birchler vorangetrieben hat. Edward Hopper macht uns zu befriedigten Zeugen, scheint es ihm doch im 20. Jahrhundert gelungen, die Bedeutungsmacht von Malerei für heutige Fiktionen fruchtbar zu machen – oder umgekehrt die Typologie amerikanischer Filmsets im alten Medium der Malerei abzuspeichern. Früh waren Filmemacher, unter ihnen Alfred Hitchcock, von Hopper stimuliert. Wim Wenders eigens für die aktuelle Ausstellung produzierte Hommage in 3D setzt die Wechselwirkung von Ölbild und Kinoleinwand fort. Seine Komposition nimmt ausgewählte Hopper-Bilder als Grundlage für kurze, in sich ruhende Szenen, um ganz im Nowhere von Beziehungslosigkeit und Verwirrung anzukommen. 

Bis 
17.05.2020
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Edward Hopper 26.01.202020.09.2020 Ausstellung Basel/Riehen
Schweiz
CH
Künstler/innen
Edward Hopper
Autor/innen
Isabel Zürcher

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