Ursula Biemann — Life is semiotic: Das Aktivieren von Lebenszeichen

Acoustic Ocean, 2018, Videoinstallation, 18’

Acoustic Ocean, 2018, Videoinstallation, 18’

Acoustic Ocean, 2018, Videoinstallation, 18’

Acoustic Ocean, 2018, Videoinstallation, 18’

Acoustic Ocean, 2018, Videoinstallation, 18’

Acoustic Ocean, 2018, Videoinstallation, 18’

Acoustic Ocean, 2018, Videoinstallation, 18’

Acoustic Ocean, 2018, Videoinstallation, 18’

Forest Law, 2014. 2-Kanal-Video-Essay, 38’

Forest Law, 2014. 2-Kanal-Video-Essay, 38’

Forest Law, 2014. 2-Kanal-Video-Essay, 38’

Forest Law, 2014. 2-Kanal-Video-Essay, 38’

Forest Law, 2014. 2-Kanal-Video-Essay, 38’

Forest Law, 2014. 2-Kanal-Video-Essay, 38’

Forest Law, 2014. 2-Kanal-Video-Essay, 38’

Forest Law, 2014. 2-Kanal-Video-Essay, 38’

Ursula Biemann

Ursula Biemann

Fokus

Ursula Biemann macht mit künstlerischer Forschung, durch ­Filme, Videoinstallationen, kuratorische Arbeiten, und dem Einsatz für indigene Wissensformen zugänglich, was dominante Dis­kurse verstecken. So verweist sie auf Alternativen des Zusammenlebens mit der Welt.

Ursula Biemann — Life is semiotic: Das Aktivieren von Lebenszeichen

Als ich von Ursula Biemanns Film ‹Acoustic Ocean› im Centre culturel suisse Paris zurückkehre, fällt mir das populärwissenschaftliche Buch ‹Un monde sous la mer› in die Hände. Ich stosse direkt auf «Sondages acoustiques», lese: Der Physiker J. B. Hersey hat 1955 den «Sparker» entwickelt. Dieser sendet einen sehr lauten Knall, der sogar unterseeische Schlickschichten durchdringt, um den Meeresgrund zu kartografieren. Wie unterm Brennglas tritt die Inszenierung des männlich-mutigen Entdeckers hervor, der technologisch bewaffnet die Natur penetriert, ihr verborgenes Wissen entreisst. Mir fällt jetzt auf, dass Konsequenzen für Flora und Fauna ebenso unerwähnt bleiben wie beabsichtigte Ressourcenausbeutung. So wirkt Ursula ­Biemanns Arbeit: schärfend.

Unter Wasser dringen
In ‹Acoustic Ocean› tritt eine Frau auf, Sofia Jannok, Sängerin, Komponistin, Öko-Aktivistin der Samen, laut Wikipedia «ein indigenes Volk im Norden Fennoskandinaviens». Sie performt, gekleidet in einen orangefarbenen, futuristisch anmutenden Neoprenanzug, scheint sich mit den Mikrofonen, die sie am Meeresufer der Lofoten auslegt, an ihre Umgebung zu koppeln. Wal- und Fischgesänge, Tiefbassfrequenzen erklingen, evozieren Natur unter Wasser und zugleich deren Medien. Hydrophone, berichtet der Filmvorspann, dienten im Krieg dem Aufspüren von U-Booten. Nebenbei wurden die Wasserschichten der Ozeane als horizontal verlaufende akustische Kanäle entdeckt. Orientierungs- und Kommunikationsmedium in finsteren Tiefen, werden die Klänge im Medium des Films sonische Sehstruktur, in der Jannok handelt. Dem erhaben in die Natur vertikal, brutal eindringenden Ozeanografen Hersey tritt die anderen Gattungen verbundene, horizontal sich ausbreitende Forscherin entgegen. «Die Hydrophone wirken wie Tentakel eines Cyborgs», sagt die Künstlerin später im Gespräch, «Extensionen, mit denen eine Umgebung abgetastet wird, die Teil von ihr ist.» Das will Biemanns Arbeit: anschliessen.

Körper-Erweiterung
Ausweitung der Körperzonen ist ein Ansatz feministischer Theorien zur Subversion phallogozentrischer Strukturen. Biemann stellt klar: «Mit dem Körper meine ich heute mehr den technologischen, globalen Körper, mein Feld ist eigentlich ein geopolitisches.» Das ist es seit ihren frühen Arbeiten über Mobilität, Transnationalismus und Exterritorialität, schon seit ‹Performing the Border›, ein Video-Essay, das sie 1999 nach einer Feldstudie in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez realisierte. Es folgten weitere, dokumentarische Videoarbeiten wie das mehrteilige Projekt ‹Sahara Chronicle› (2006−09) zu Wegen durch die Wüste. Zusätzlich zu ihrer Videoarbeit ging sie als Kuratorin in ‹The Maghreb Connection› 2006 Migrationswegen durch Nord­afrika nach: «Ich wollte aufzeigen, wie sich die Körper in den Raum einschreiben, wie sie ihn verändern. Darum geht es mir noch heute – mehr als um die feministische Dimension des Körpers.» Ohnehin entsprängen «Kolonisierungen der Natur, anderer Länder, des weiblichen Körpers alle der gleichen Ideologie.» Ihr dienten auch, gewollt oder ungewollt, Machtkonstellationen des Wissens, «die objektivieren, um zu erfassen, zu durchdringen, zu beherrschen, auszubeuten». So kämpft sie mit ihrer Arbeit: planetarisch umfassend.

Kooperation
Allein ist das kaum zu schaffen. Seit 1988 aktiv, kam sie getragen von einer Community engagierter Forscherinnen und Forscher in der Kunstwelt an. 2011 gründete sie mit dem Hamburger Fotojournalisten Uwe H. Martin das Kunst- und Medienprojekt ‹World Matter›. «Zunächst wollten wir über fossile, mineralische, maritime Ressourcen anders sprechen als nur unter dem Aspekt der Verwertbarkeit. Wir wollten das enge Zusammenwirken menschlicher und nichtmenschlicher Akteurinnen und Akteure in einem fragilen System zeigen. Auf regelmässigen Arbeitssitzungen entstanden neue Ansätze visueller Arbeit, das war für mich sehr wichtig.» Anfänglich vom Institut für Theorie der ZHdK gefördert, wurde die Website im Herbst 2019 vom Haus der elektronischen Künste in Basel gekauft, die Archive sind offen zugänglich. Ihre Reisen, Feldstudien und Filmproduktionen werden oft von Museen oder öffentlichen Institutionen finanziert, «manchmal fahre ich aber auch einfach los», sagt sie. Inzwischen erwerben viele öffentliche Sammlungen ihre Filme. Das ist ihre Ökonomie: kunstmarktfern.

Dekolonisieren
So kritisch sie arbeitet, so entspannt tritt sie auf, weniger militant antikapitalistisch als Françoise Vergès, die mit ihrem Buch ‹Un féminisme décolonial› in Frankreich gerade zur Revolution aufruft. Biemann lacht: «Ich schätze die Arbeit von Vergès, komme selbst von der kritischen Theorie. Aber mir geht es heute mehr um ‹care› als um ‹critique›. Ich will nicht mehr abständig eine Geschichte der Gewalt erzählen, sondern Positives vor Ort bewirken, dort, wo etwas neu und anders entsteht. Deshalb engagiere ich mich als Künstlerin in dem Projekt indigener Gruppen im südkolum­bianischen Amazonas, eine Universität zu gründen.» In dieser bisher eher als Gegenstand der Anthropologie denn als gleichberechtigt wahrgenommenen Wissenskultur findet gerade ein Aufbruch statt. «Indigene Mythologien sind wissenschaftlichen Abstraktionen durchaus verwandt. Die geplante Universität wird ‹Universidad Biocultural Indígena Panamazónica – UNBIP› heissen», fährt Biemann fort, «und sie erhält von mir künstlerische Impulse, die den strukturellen Aspekt reflektierbar, internatio­nal sichtbar machen.» Es gehe heute nicht mehr darum, den Schwachen eine Stimme zu geben, sondern den Beitrag der von jahrhundertelangem Eurozentrismus und Kolonialismus unterdrückten, ausgebeuteten oder verdrängten Wissenssysteme zu einer besseren Welt zu sehen. So handelt ihre Arbeit: engagiert, solidarisch.

Nach dem Konzept «Mensch»
Etwa 2005 wandte Biemann sich Ressourcen wie Wasser und Öl zu. Ins Dokumentarische wandern nun poetische Elemente, ihre Arbeit erhält mehr fiktive, fast neu­romantische Züge. Für ‹Deep Weather› verbindet sie 2013 die Kohlegeologie der kanadischen Wälder und die Hydrogeografie von Bangladesch zu einem bildstarken Film. Für ‹Subatlantic› verknüpft sie 2015 Klimaforschung, Geologie und menschliche Geschichte durch die Performance einer Wissenschaftlerin zu einem Video-­Essay über posthumane Bedingungen einer künftigen Welt. Oft gibt sie ganz klar Referenzen an, wie Michel Serres’ ‹Le Contrat Naturel› – ist Philosophie ihr Filmskript? «Ich gehe oft erst von einem philosophischen Text aus, überlege, was er für visuelle Formen provozieren könnte. Dann erst folgt die Feldarbeit. Auf den Reisen treffe ich dann auf Menschen, Dinge, Umgebungen, die nach und nach – bisweilen dauern die Vorbereitungen über ein Jahr – zusammenwachsen. Für Texte und Produktion lese ich sehr viel, brauche manchmal sehr viel Zeit für die drei passenden Sätze in einem Film.» Das ist ihre Methode: Biemann verwebt theoretischen Text, aktivistischen Ansatz, bildnerische Arbeit.

Mythisches Sprechen
Für ihre erste grosse Ausstellung in Frankreich, ab 4. Juni im MAMAC, Nizza, sollen in einem weitläufigen Saal ohne Zwischenwände Videoinstallationen, Dokumentationen, Texte, Materialien zur Vertiefung einladen. Dem derzeit sehr erfolgreichen ‹Forest Law›, 2014, zur Öl- und Minengrenze im ecuadorianischen Amazonas werden ‹Acoustic Ocean› und ‹Subatlantic› zur Seite gestellt, zusammen mit ‹Deep Weather›, zu dem sie sagt: «Die Stimme, die man hört, hat geradezu physische Präsenz. Gedanken, Gefühle, Erfahrungen haben in unserer Welt eine materielle Präsenz wie alles andere – und wir in der Kunst sind die besten Experten, um damit zu arbeiten.» Ähnliches hat der Anthropologe Eduardo Kohn in seinem Buch ‹How Forests Think›, 2013, formuliert: «In sum, because life is semiotic and semiosis is alive, it makes sense to treat both lives and thoughts as ‹living thoughts›.» Mit all ihren Projekten arbeitet Biemann daran, wie man anders denkt und folglich auch handelt: «Alternative Modelle des Zusammenlebens sind mein roter Faden, epistemische Unterdrückung mein Arbeitsfeld, ich will koloniale Strukturen und Dynamiken des Wissens sichtbar machen, die sich sonst verbergen – und welche Auswege daraus gerade jene bieten, die darunter leiden. Es geht um eine kollektive Wende.» Um diese zu vollziehen, um andere Realitäten möglich zu machen, braucht es Vorstellungskraft. Spekulation als Pensum der Kunst macht andere Welten möglich. Ursula Biemann arbeitet systemisch daran, sie zu verwirklichen.'

J. Emil Sennewald, Kritiker, berichtet seit 20 Jahren aus der Pariser Kunstszene. Er unterrichtet Philosophie an der Kunsthochschule Clermont-Ferrand und der F+F Schule Zürich. Emil@weiswald.com

→ ‹Ursula Biemann – Acoustic Ocean›, Centre culturel suisse de Paris, bis 12.4. ↗ www.ccsparis.com
→ ‹Savoir indigènes_fictions cosmologiques›, Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain (MAMAC), Nizza, 4.6.–11.10. ↗ www.mamac-nice.org
→ ‹BIM – Bienal de la Imagen en Movimento›, Buenos Aires, 15.10.–15.11. ↗ www.bim.com.ar
→ ‹Circular Flow – On the Economy of Inequality› (Gruppenausstellung), Kunstmuseum Basel Gegenwart, bis 3.5. ↗ www.kunstmuseumbasel.ch
→ ‹Potential Worlds – Ruins of Today and Eco-fictions› (Gruppenausstellung), Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, 7.3.–31.5. ↗ www.migrosmuseum.ch

Bis 
12.04.2020

Ursula Biemann (*1955, Zürich), lebt in Zürich
bis 2014 Forschungsprojekte am Institut Theorie der Zürcher Hochschule der Künste
1995−98 Geschäftsführerin und Kuratorin an der Shedhalle Zürich
1988 Whitney Independent Study Program, New York
1986 Bachelor of Fine Arts an der School for Visual Arts, New York

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Screening Ursula Biemann›, Kunstmuseum Basel Gegenwart (25./26.3.)
2018 ‹Forest Law›, Institute of the Arts and Sciences, UC Santa Cruz; ‹Geomorphic Videos›, Anthology
Film Archives, New York
2013 Neuer Berliner Kunstverein
2009  Erste Einzelausstellung in der Schweiz im Helmhaus, Zürich

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Sensing Nature From Within›, Moderna Museet Malmö; ‹Post-Nature: An Exhibition as an
Ecosystem›, Taipei Bienniale, Taiwan; ‹Ozeanische Gefühle›, Hessisches Landesmuseum, Darmstadt
2018 ‹Eco Visionaries›, Haus der elektronischen Künste, Basel
2016 ‹Sublime – Les Tremblements du Monde›, Centre Pompidou-Metz

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Bienal de la Imagen en Movimento 01.11.202015.11.2020 Grossausstellung/Festival Buenos Aires
Argentinien
AR
Dorian Sari, Ursula Biemann 12.07.202012.09.2020 Ausstellung Paris
Frankreich
FR
Potential Worlds 1: Planetary Memories 07.03.202011.10.2020 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Circular Flow 07.12.201919.07.2020 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Künstler/innen
Ursula Biemann
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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