Mariko Mori im Kunstmuseum

Mariko Mori · Empty Dream, 1995. Cibachrom, Aluminium, Holz, 274 x 732 x 7,62 cm; Courtesy Deitch Projects, New York

Mariko Mori · Empty Dream, 1995. Cibachrom, Aluminium, Holz, 274 x 732 x 7,62 cm; Courtesy Deitch Projects, New York

Besprechung

Die titelgebende Arbeit «Esoteric Cosmos» in der gleichnamigen Wolfsburger Museumsschau zeigt vier wandfüllende Landschaftstableaus, am Computer bearbeitete Farbfotografien, in denen die Künstlerin mal als Bodhisattva in mehreren Erscheinungsformen, mal als multiplizierte Techno-Elfe über die vier Elementreiche herrscht. In ihrer 1997 bereits auf der Biennale vorgestellten 3-D-Videoinstallation «Nirvana» wird sie von einer musizierenden Bodhisattven-Schar begleitet – die in ihrer kitschigen Süsse jeden Lochnerschen Engelschor in den Schatten stellen dürfte – welche die Besucher in himmlische Sphären zu entführen verspricht.

Mariko Mori im Kunstmuseum

Musik liegt in der Luft. Das Model trägt Techno-Pop. Silbernes Paillettentop über schmalem Shirt mit knallblauen Ärmeleinsätzen, dessen zitronengelbe Schulterapplikationen aus Plexiglas unwillkürlich an stummelkurze Engelsflügel erinnern. Ein zipfeliges Schottenkaro-Miniröckchen aus Lackstoff, darunter weisse Lackstiefeletten mit Keilabsatz und eine Strumpfhose aus fleischfarbenem Kunststoff, auf der die Kniescheiben durch eine schwarze Umrisszeichnung hervorgehoben sind. Das violett gefärbte Haar zur Post-Punk-Tolle auftoupiert, der Plexiglasbügel der monströsen Kopfhörer hat zugleich als Haarreif zu dienen. Wie gewachst glänzen die Wangen, gelbe Kontaktlinsen lassen die weit aufgerissenen Augen puppenhaft ins Leere blinzeln. Drumherum schweben Plastikbälle in allen Regenbogenfarben, glänzend, bunt und leicht wie das kokette Girlie, das uns sexy-but-shy mit einwärts gewandten Knien und angewinkelten Armen seinen Song präsentiert: «Birth of a Star».So also werden Sterne geboren, besser gesagt: jene Sternchen, die, auf ein Menschenleben gerechnet, selten mehr als die Warholschen fünf Minuten glänzen dürfen, bevor sie im Dunkel der Zeit verglühen. Selbstinszenierung als self fullfilling prophecy? Für Mariko Mori sind aus fünf Minuten inzwischen schon gut fünf Jahre geworden. Wohl nicht von ungefähr strahlt der frischgeborene Star aus seinem Leuchtkasten mit integrierter Soundinstallation wie ein Hüter der Schwelle im Eingangsraum der ersten grossen Einzelausstellung, die der in Tokio und New York lebenden Künstlerin in Deutschland gewidmet wird. Hatte ihr kometenhafter Aufstieg ans Firmament der zeitgenössischen Kunstszene im Entstehungsjahr der Arbeit, 1995, gerade erst begonnen, so markiert die selbstbewusste Setzung bereits einen entscheidenden Wendepunkt in Moris Werkentwicklung. Waren die phantasievollen, selbstentworfenen Kostüme, mit denen sich die Künstlerin seit Anfang der neunziger Jahre als futuristisches Cybergirl in verschiedenen Situationen und Kontexten des japanischen Alltags vom «Subway» (1994) bis zur Spielhölle («Play with me», 1994) in Szene setzte, zunächst Teil einer Maskerade gewesen, die den jeweiligen Kontext spielerisch-subversiv als Reibungsfläche und Kontrastfolie nutzte, wird eben dieses Umfeld nun ausgelöscht und die Maskerade – sprichwörtlich – zur Verpuppung. Der Hülle entschlüpft, flügge geworden für den Kunstbetrieb, ein bunter Schmetterling, der weiss, was die Jäger und Sammler zur Jahrtausendwende begehren: Eine schöne, neue Welt, die weder Kriege noch Krankheiten kennt, in der technischer Fortschritt und religiöse Tradition, menschliches Streben und spirituelle Erlösung keinen Widerspruch bedeuten.Genau dies jedenfalls scheint Mariko Moris «Esoteric Cosmos» bieten zu wollen. Mochte ein Jahr zuvor noch der Tokyoter Flughafen das geeignete Ambiente für eine Selbstinszenierung als kristallkugelstreichelndes Mondkind bieten («Miko No Inori», 1996), so sieht man Mori in ihrer jüngsten Videoarbeit, «Kumano» als geisterhaftes Naturwesen durch neblichte Wälder huschen, als Priesterin vor dem Nachi-Wasserfall tanzen und die Teezeremonie zelebrieren, deren letzte Sequenz schliesslich in ein traditionell gestaltetes Zimmer mit mondnächtlichem Ausblick auf eine Grosstadtkulisse führt. Da ist nichts, was süssen Quell der heiligen Harmonien trüben könnte. Geradezu paradigmatisch demonstriert dies auch das einzige «Objekt» der Schau, der Prototyp einer «Enlightenment Capsule», in deren Inneren der Adept auf einer bonbonfarbenen Lotosblüte schweben soll, während ein eigens entwickelter Sonnenlichtfilter die «reine» Erleuchtung garantiert: So träumten es sich schon die alten Alchimisten – mit den Mitteln modernster Technik wird aus «Natur» die Essenz des «Geistigen» destilliert. Eine Funktion, die wohl auch für Moris Umgang mit den Medien gelten soll. Nach einem Fragezeichen werden weniger kontemplativ gesonnene Gemüter in diesen Gefilden hermetisch saturierter Seligkeit vergeblich suchen. Der internationale Erfolg einer Künstlerin, die sich derart ungebrochen zur Heilsbringerin stilisiert, mag manchen wundern – ein Wunder ist er dennoch nicht. Wohl zu Recht wird hier von Moris Landsleuten jener westliche Exotismus ausgemacht, der sich früher im Japonismus äussern mochte, heute hingegen eher Schuluniformen niedlich findet und Mangas wie anderen Techno-Pop-Produkten zu glänzendem Absatz verhilft – vom Dauerbrenner Buddhismus ganz zu schweigen. In den technisch und ästhetisch ebenso aufwendig wie konsequent gestalteten Eigenwelten des «Esoteric Cosmos», in dem alle Gegensätze zu Komplementen werden und alle Elemente miteinander verschmelzen dürfen, winkt ohnehin uns allen universelle Harmonie. Nur, dass es im «Nirvana» aussieht wie in einem Sega-Videospiel, sollte uns natürlich nicht weiter stören.


Bis 
08.05.1999
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Mariko Mori 30.01.199909.05.1999 Ausstellung
Autor/innen
Verena Kuni
Künstler/innen
Mariko Mori

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