«unheimlich» im Fotomuseum

Dana Hoey · Bikini Schlägerei, 1995
C-Print, 3/3, 101,6 x 76,2 cm; Courtesy Dana Hoey & Friedrich Petzel Gallery, New York

Dana Hoey · Bikini Schlägerei, 1995
C-Print, 3/3, 101,6 x 76,2 cm; Courtesy Dana Hoey & Friedrich Petzel Gallery, New York

Besprechung

Sind Frauen vom Unheimlichen stärker angezogen als Männer? Welche besonderen Beziehungen oder Affinitäten bestehen zwischen dem weiblichen Geschlecht und der Aura des Mysteriösen, Angsterregenden? Solche Fragen drängen sich auf, wenn eine Ausstellung fünf junge Künstlerinnen versammelt, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

«unheimlich» im Fotomuseum

Im Katalog zur Ausstellung versucht Urs Stahel, auf Freuds Untersuchung «Zur Psychologie des Unheimlichen» zurückgreifend, eine Definition der vielschichtigen Kategorie: Unheimlich wirke, wenn Vertrautes von Unvertrautem überlagert werde und ein «wiederkehrendes Verdrängtes» auszulösen vermöge, wie dies beispielsweise bei den Themen des Doppelgängers sowie der Verobjektivierung von Lebendigem der Fall sei.Auf beispiellose Weise verschränken sich diese beiden Motive in den Performances von Vanessa Beecroft: Auf Anweisung der Künstlerin stellt sich ein Anzahl von Models in spärlicher Bekleidung und identischer Perücke zum Gruppenbild zusammen – ein unterkühltes «tableau vivant», das die ästhetischen Zurichtungen der Schönheitsindustrie paraphrasiert und eindringlich die Frage nach weiblicher Identität aufwirft. Ich oder Du? scheinen auch die einstweilen noch zuversichtlich wirkenden Mädchen auf Wendy McMurdos rätselhaften Fotografien zu mutmassen, die mit ihrem (geklonten?) Double konfrontiert werden. Kriminalistischen Spürsinn verlangen Anna Gaskells theatralisch beleuchtete, von Zwillingsschwestern dargestellte Inszenierungen, die auf Lewis Carrolls Erzählung «Alice im Wunderland» basieren. Mit konzentriertem Gesichtsausdruck hält die eine Schwester der anderen die Nase zu – unentscheidbar, ob es sich dabei um eine Rettungs- oder eine Mordaktion handelt. Ambivalente Handlungen prägen auch die an Filmstills gemahnenden Aufnahmen von Dana Hoey: In «Bikini Schlägerei» sehen wir zwei junge Frauen am Strand; hinter dem Rücken der einen Frau hat die andere die Hand erhoben, als wolle sie ihr einen Schlag versetzen. Ein gewalttätiger Akt, den wir nur schwer mit der friedlichen Szenerie und unseren Vorstellungen von Frauenbeziehungen in Einklang bringen können. Vollends surreal schliesslich präsentieren sich die ornamental auf den Hinterkopf drapierten Speisen von Natacha Lesueur, die ein befremdliches, zwischen Ekel und Amüsement schwankendes Gefühl auslösen.Unheimlich weiblich? Vielleicht. Immerhin wird das Thema des Unheimlichen in dieser Ausstellung durch eine ausschliesslich weibliche Optik präsentiert. Fraglos sind in einer partriarchal geprägten Gesellschaft Verschiebungen von stereotypen Rollenzuschreibungen und das Spiel mit multiplen Identitäten für Frauen von grosser strategischer Bedeutung. Zudem mag die emotionale Dimension des Unheimlichen dem entsprechend sozialisierten Geschlecht in der Tat nahe stehen. Das Unheimliche lässt sich aber auch als Ausdruck allgemeiner gesellschaftlicher Unsicherheiten interpretieren und verliert damit seine geschlechtsspezifischen Konnotationen. Vielleicht haben für einmal einzig qualitative Kriterien zur Auswahl der Künstlerinnen geführt? Vielleicht bedürfen Ausstellungen von und mit Frauen in Zukunft tatsächlich keiner Begründung mehr? «Männerausstellungen», bezeichnenderweise nie so genannt, haben ja lange genug als selbstverständlich gegolten.


Bis 
23.05.1999

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