2000 Biennial Exhibition

Kim Dingle · 63MGME, 1999, Midget MG with mixed media, approximately 48x144x53 in.; Courtesy Sperone Westwater, New York

Kim Dingle · 63MGME, 1999, Midget MG with mixed media, approximately 48x144x53 in.; Courtesy Sperone Westwater, New York

Dara Friedman · Bim Bam, 1999, Two 16mm slot loading projectors, metal armature, CD player and speakers; Courtesy the artist

Besprechung

Die aktuelle Whitney Biennale wartet mit mehreren Premieren auf. Zum ersten Mal bestimmte ein aussenstehendes Team von sechs Kuratoren die Auswahl der 97 künstlerischen Positionen. Internet Kunst wird dieses Mal als Medium aufgenommen. Schliesslich wird mit einem grossen Anteil von Künstlern, deren Geburtsort nicht in den Staaten liegt, erstmals die nationale Ausrichtung wesentlich unterminiert zugunsten einer breiter gefächerten Sicht auf das aktuelle Kunstgeschehen in den USA.

2000 Biennial Exhibition

Der Ausstellung gingen zwei, die aktuelle Diskussion prägende Ereignisse voraus. Zum einen die erste gemeinsame Ausstellung des P.S.1 und des Museum of Modern Art nach ihrer Fusion: Unter dem Titel «Greater New York» wird eine unübersehbare Menge von über 140 jungen Künstlern und Künstlerinnen, die im Staat New York arbeiten, vorgestellt. Die P.S.1-Schau, die durch ihren experimentellen Charakter und frühreife Werke teilweise wie ein Akademierundgang wirkt, wurde schon als «heimliche Biennale» verhandelt. Sie zeigte nicht nur einige neue, interessante Positionen, wie beispielsweise Paul Pfeiffer, sondern auch bereits höher gehandelte Arbeiten von Ghada Amer, Lisa Yuskavage oder Shirin Neshat einen Monat vor ihrer Präsentation in der Biennale. Und sie ist nicht allein wegen ihrer Grösse heterogener; Künstler wie Piotr Uklanski, Matthew Buckingham oder Stephen Vitiello geben ihr zumindest partiell eine Aktualität, die der neutral wirkenden Biennale fehlt. Die P.S.1-Schau wies zudem, durch die Ausweitung ihres Einzugsgebietes, voraus auf die geminderte Dominanz New York Citys als Zentrum der künstlerischen Produktion in der Biennale.Das zweite Ereignis war die Kontroverse um die «Sensation»-Schau, ausgelöst von der wählerorientierten Drohung des Bürgermeisters Rudolph Giuliani, die öffentlichen Gelder vom Brooklyn Museum abzuziehen, da angeblich Werke in der Schau diskriminierend seien. In seinem für die Biennale geschaffenen Werk «Sanitation» zitiert Hans Haacke Giuliani in weisser Frakturschrift auf schwarzem Grund zum Geräusch marschierender Soldaten. Bezugnehmend auf ein Zitat von Jesse Helms, der die junge, britische Kunst derzeit als «Müll» bezeichnete, liess Haacke eine Legion offener Mülltonnen in den schwarzen Raum platzieren, dazwischen, auf dem Boden, der goldgerahmte Artikel, der die Redefreiheit garantiert. Dieses schauderlich flache Werk ist nur insofern bemerkenswert, als Giuliani hier nicht eingeschritten ist: nicht weil die Arbeit ihn nicht persönlich angriffe, sondern weil sie mit privaten Geldern finanziert ist.Haackes Position bleibt isoliert in der Biennale, die weniger Raum für Polemik als für Prosaik bietet. Obwohl sie, trotz oder wegen ihrer Neuerungen in einem Versuchsstadium verharrt und keine dezidierte Sicht der aktuellen Kunstszene zu formulieren vermag, sind einige Tendenzen erkennbar. Die Auswahl weiterer, bekannter Künstler wie Richard Tuttle, Robert Gober und John Coplans ist dafür bezeichnend. Tuttles spröde Holzbilder verbinden sich mit Sarah Szes spielerisch gebastelten, spiralförmig ausgreifenden Installationen und geben den leisen Grundton für einige der vielfach enttäuschenden zeichnerischen und malerischen Positionen, die eine verhaltene bis konservative Stimmung erzeugen. Überzeugender sind die grosse Malerei von Ingrid Calame und die Videoinstallation von Dara Friedman, die abstrakte Traditionen fortsetzen, ohne Realismen auszuschliessen. Das eher langsame, zuweilen müde wirkende Tempo der Ausstellung gibt andererseits Zeit und Raum für Werke, die sich durch Präzision und Insistenz auszeichnen, wie Louise Lawlers Fotoinstallationen, Sharon Lockharts Museumsfotos oder Josiah McElhenys Installation, die das Handwerk der Glasbläserei mit Fiktion vereint. Weiterhin wird, in der Linie von Gober und Coplans, nationale, ethnische und sexuelle Identität in vielen Arbeiten thematisiert. Manche Positionen scheinen in diesem Kontext allein als Alibis zu funktionieren. Ist wiederum die Malerei hier schwach vertreten, gelingt es anderen Künstlern, differenziert mit dem Thema umzugehen: im Videoloop von Paul Pfeiffer, in dem der stumme, wiederholte Aufschrei eines schwarzen Basketballspielers zwischen Triumph und Leiden oszilliert, in Carl und Karen Popes Video, in dem der schwarze Körper zum Material für ein tätowiertes Palimpsest wird, schliesslich in Doug Aitkens, bereits an der Biennale in Venedig gesehener, intuitiven und traumwandlerisch präzisen Videoarbeit «Electric Earth». Krzysztof Wodiczkos Gerät für eine Verständigung unter Fremden wird zum Paradigma der von der Schau schüchtern vorgetragenen Frage, ob eine multinationale Gesellschaft, um zu funktionieren, Differenzen ausschliessen muss. Die Kuratoren aus verschiedenen Regionen der USA haben die Biennale für diese Diskussion geöffnet. Dafür stehen auf nationaler Ebene Künstler wie Kim Dingle, die kalifornische Stereotypen für sich nutzt, und John Currin, der auf altmeisterliche Weise den Regionalismus rezipiert und parodiert. Es ist jedoch merkwürdig, dass diese Frage erst jetzt explizit an die Konzeption einer Biennale der amerikanischen Kunst gestellt wird. Katalog in der Ausstellung $ 39.95.


Bis 
03.06.2000
Institutionen Land Ort
Whitney Museum Vereinigte Staaten New York
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
2000 Biennial Exhibition 01.04.200004.06.2000 Ausstellung New York
Vereinigte Staaten
US
Autor/innen
Carina Plath

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