Ich werde immer politisch sein

Kara Walker, Genf 2000; Foto: Samuel Herzog

Kara Walker, Genf 2000; Foto: Samuel Herzog

Insurrection! (Our Tools Were Rudimentary, Yet We Pressed On), 2000; Drei Wände, 3,6m x 6,4m/10m/6,3m. Courtesy Centre d’Art Contemporain, Genf, Foto: Sarina Basta

Insurrection! (Our Tools Were Rudimentary, Yet We Pressed On), 2000; Drei Wände, 3,6m x 6,4m/10m/6,3m. Courtesy Centre d’Art Contemporain, Genf, Foto: Sarina Basta

Fokus

Im süssen Kostüm viktorianischer Silhouetten kommt sie verführerisch daher, die Kunst der Kara Walker: Doch ihre Bilder konfrontieren uns in fast grotesker Direktheit mit jenen Szenen zwischen Herr und Sklavin, die uns die Geschichten jener Zeit verschweigen. Dennoch geht es der Künstlerin nicht um eine historische Korrektur, sondern um ihre eigene Erfahrung.

Ich werde immer politisch sein

Ein Gespräch mit Kara Walker

Samuel Herzog: Ihre bekanntesten Arbeiten bestehen aus grossen Figuren, die Sie aus schwarzem Papier ausschneiden und auf weisse Wände kleben – auf einen ersten Blick Genreszenen wie aus viktorianischer Zeit. Was hat Sie zu einem solchen stilistischen Rückgriff veranlasst? Kara Walker: Ich lebte lange Jahre in Atlanta (Georgia), einer sehr friedlichen Gegend, wo man nicht wirklich über Probleme redet und sich nur für jene Aspekte der Geschichte interessiert, die einen stolz und zufrieden machen. Entsprechend war auch meine Arbeit damals kaum politisch – jedenfalls nicht im Sinne einer Politik, wie sie das Black Arts Movement entwickelt hatte, wo es um Unterdrückung und Rassismus ging. In Atlanta spielt man Gesellschaft, heile Welt, ein wenig wie in viktorianischer Zeit – mit der Ausnahme, dass damals die Welt nur für die Weissen heil war. Ich suchte also irgendwann nach einer Möglichkeit, die Stimme einer schwarzen Frau in die weissen Geschichten jener Zeit einzuschleusen, die geprägt waren von Rassentheorien und Sklaverei.Die alten Schattenrisse wirkten aber auch fast ironisch auf mich – all die weissen Menschen, die da ganz schwarz erscheinen.SH: Mit dieser Ironie haben Sie sich aber nicht zufrieden gegeben.KW: Ich suchte nach einer Form, die historisch wirkte und fand die viktorianische Romanze mit ihrer ganzen Distanziertheit und Sauberkeit, eine Form, die – flach wie sie ist – auch so wirkt, als könne in ihr unmöglich von irgend etwas Essentiellem die Rede sein. Die Form ist aber auch eine Art Falle: Die Leute sehen hin, einfach weil es nett aussieht und Vergnügen macht. Und dann, vielleicht, wird dieses oder jenes plötzlich weniger vergnüglich...SH: In ihrer aktuellen Ausstellung hier im Centre d’Art Contemporain von Genf ist dieser erste Reiz ja ganz besonders stark: Sie haben sich nicht damit begnügt, die Schattenrisse auf die Wand zu setzen, sondern projizieren mit Hilfe von Hellraumprojektoren stark farbige Formen darüber, so dass wir uns beim Betreten der Ausstellung fast wie in einem Märchenwald fühlen.KW: Ich versuche in meiner Arbeit zwei Formen zu kombinieren, die mir aus unterschiedlichen Gründen gefallen. Einerseits gibt es da diese viktorianischen Silhouetten, Porträts oder kleine Szenen – das ist eine typische Mittelklassekunst, viel billiger als etwa Ölmalereien. Andererseits liebe ich auch die grosse historische Malerei mit ihren Gesten – die Personen wirken darauf zwar immer ein wenig steif, aber die Maler sind doch bemüht, uns Betrachter in eine höhere Welt mitzunehmen, uns die Grösse der Helden und ihren Ruhm vorzuführen. Ich versuche diese beiden Dinge in meiner Arbeit zu kombinieren: Das kleine Mittelklasseporträt, die kleine Silhouettengeschichte und die grosse Erzählung der Malerei – die immer grösser ist als nötig.SH: Ihre Arbeiten füllen ja oft ganze Wände, hier in Genf gar ganze Räume – das Erlebnis erinnert ein wenig an das historischer Panoramen.KW: Ja, ich liebe diese Panoramen, etwa jenes der Schlacht von Atlanta, die den Betrachter ganz und gar reinziehen wollen in die Gefühle jenes Moments. Kunst ist das allerdings nicht wirklich, genauso wenig wie die Silhouetten Kunst sind – das eine hat eher mit Handwerk zu tun, das andere mehr mit Show.SH: Aber könnte man nicht sagen, Sie zeichneten selbst eine Art satirischen, kruden Panoramas der Südstaaten vor dem Bürgerkrieg, der Zeit der Sklaverei – ebenfalls mit dem Ziel, uns ganz in die Gefühle jener Zeit absinken zu lassen?KW: Meine Arbeit stellt zwar irgendwie schon einen zeitlichen Rückgriff dar, aber dieser historische Hauch ist eine Fälschung.SH: In den kleinformatigen Zeichnungen, die in Genf ebenfalls ausgestellt sind, probieren Sie ja ganz verschiedene historisierende Stile aus: Da gibt es zum Beispiel ein kleines Aquarell, es zeigt ein weisses Mädchen, das mit der Zunge eines schwarzen Mädchens zu schreiben versucht – das erinnert sehr stark an Märchenbücher der Jahrhundertwende. Ist das nicht auch ein Versuch, sich solche Traditionen parodistisch anzueignen, sich zu kostümieren?KW: Ja, ich versuche eine Art Kostümdrama zu spielen. Manchmal möchte ich in der Zeit vor 150 Jahren leben – und doch meine Kunst machen. Wir leben zwar alle im Jahr 2000, aber vieles ist doch noch wie um 1850. Ich bin mit der festen Überzeugung aufgewachsen, die Welt habe sich völlig verändert, die ganze Geschichte sei endgültig passé, wie von einer anderen Welt. Als ich aber die Zwanzig überschritten hatte, wurde mir immer mehr bewusst, dass in meinem Leben dieselben Themen aufkommen, die eine schwarze Frau auch vor 150 Jahren wohl beschäftigt haben – in den Südstaaten zum Beispiel oder auch in den Kolonien. In den Südstaaten ist ja auch heute noch so viel lebendig aus jener Zeit, da gibt es Weisse, welche die Schwarzen hassen, und Schwarze, die nie ein Wort mit einem Weissen wechseln würden. Aber selbst in Atlanta, einer Stadt mit einer grossen schwarzen Mittelklasse, ist die Vergangenheit noch spürbar.SH: Ihre Arbeiten zeichnen ein ziemlich pessimistisches Bild: Offenbar gibt es Ihrer Ansicht nach keine Möglichkeit, alte Muster abzulegen, keine Chance für ein vernünftiges Zusammenleben von Schwarz und Weiss.KW: Das ist das Resultat meiner Desillusion. Ich wuchs während der siebziger Jahre auf, die Schulen waren sehr darauf bedacht, uns hin zu einer multikulturellen Gesellschaft zu erziehen – und tatsächlich war auch unser ganzes Leben multikulturell: Wir veranstalteten multikulturelle Partys etc. Nach der Schule aber habe ich bald einmal gemerkt, dass die alten Diskurse, die ich für längst überwunden hielt, immer noch da sind.SH: Daher Ihre Skepsis gegenüber der multikulturellen Idee?KW: Irgendwie glaube ich auch heute noch absolut an diese Idee – nur denke ich, wird sich so etwas kaum verwirklichen lassen, solange es Menschen auf diesem Planeten gibt. Wenn ich meine eigene Situation anschaue, dann bin ich eher pessimistisch: Ich habe nicht das Gefühl, die Dinge könnten noch lange gut gehen. Warum das so ist, weiss ich nicht. Aber es ist ein Gefühl, das unter Schwarzen sehr verbreitet ist: Da gibt es diese Angst vor Erfolg, denn es passiert immer etwas Schlimmes, wenn Schwarze Erfolg haben. Natürlich sind das Stereotypen, aber ich kann mich nicht daran hindern, solche Stereotypen zu konstruieren.SH: Und was für eine Rolle spielt dieses Gefühl in ihren Arbeiten?KW: Es reicht doch schon, dass ich eine schwarze Frau zeichne oder male, und schon ist das ein politischer Akt – da gibt es so viele verschiedene Möglichkeiten, das zu lesen, das vor allem auch falsch zu lesen.SH: Sie versuchen ja aber auch wirklich nicht, das Politische rauszuhalten.KW: Als schwarze Künstlerin kann ich gar nichts machen, das einfach wäre. Was auch immer ich tue, es wird immer politisch sein, ganz einfach wegen der Geschichte, die uns vorausgeht. Ich kann das süsseste Bild der Welt malen, es wird doch politisch gelesen werden.SH: Hat ihre Arbeit nicht vielleicht auch mit dem Umstand zu tun, dass wir ja heute ein wenig in einem multikulturellen Traum leben. Nehmen wir zum Beispiel die Bilder: In den letzten Jahren hat man im Westen alle Darstellungen von Schwarzen oder Indianern auf ihre politische Korrektheit hin überprüft und heute findet man nur noch selten rassistisch angehauchte Darstellungen. Und das ist ja auch ein wenig seltsam, denn wir tun ja auch so, als hätte es diese Bilder, diese eigene ikonographische Tradition gar nie gegeben. Mit ihrer Arbeit aber erinnern Sie auch an diese verbannte Tradition.KW: In der westlichen Kunst gibt es ja viele Darstellungen von Schwarzen – interessant ist dabei vor allem, dass ich solche Bilder während meiner ganzen Adoleszenz gar nie zu Gesicht bekommen habe. Aber es ist ja sowieso unwahrscheinlich, dass die ganzen Rassismen, die vor dreissig Jahren noch überall herrschten, so schnell verschwunden sein sollen. Sie sind nicht verschwunden, sondern nur unter die Oberfläche geglitten. Das entspricht auch meiner Erfahrung. Die Rassismen, mit denen ich konfrontiert werde, spielen sich einfach nicht mehr in der Öffentlichkeit ab, sondern eher in intimen Momenten – es wird immer dann gefährlich, wenn es um die delikaten Dinge in unserem Leben geht, um Humor, um Liebe oder Begehren. Das heisst, die Gewalt auf dieser Welt ist wohl wie ein Virus, das ständig neue Formen annimmt und immer eine Möglichkeit findet, das Leben zu infizieren.SH: Ihre Arbeiten kreisen ja immer wieder um Themen wie Sex oder Vergewaltigung, oft in fast grotesk brutaler Art. Könnte man sagen, Sex sei einer dieser heiklen Bereiche: Drohen die Rassismen unter der Oberfläche hervorzubrechen, sobald es irgendwie um Sex geht?KW: Das ist sicher ein wichtiger Punkt, aber es geht nicht immer nur darum. In den Sklavengeschichten gibt es ja immer wieder diese sexuellen Untertöne, aber wirklich gesagt oder gezeigt wird nie etwas. Das hat mich immer schon interessiert. Und wenn ich mir alte Darstellungen von Schwarzen ansehe, dann frage ich mich manchmal: Was versucht mir der Künstler da über dieses schwarze Mädchen zu sagen?SH: Was da also ausgespart oder unter der Oberfläche blieb, machen Sie mit ihrer Arbeit nun explizit.KW: In guten Momenten, wenn ich voller Selbstvertrauen bin, dann habe ich das Gefühl, ich wolle dem Rest der Welt erzählen, was wir Schwarzen während Jahren durchgemacht haben. Meine Eltern haben das alles ja noch sehr direkt erlebt. Sie haben uns aufgezogen und uns dabei mit weichen Decken vor all diesen Erinnerungen geschützt. Und trotzdem wusste ich immer, dass da noch etwas ist, etwas, das mich verletzen könnte. Es gibt da eine Art taktile Erinnerung an die Erfahrungen der Schwarzen – das ist nicht weg, auch wenn es nicht mehr direkt da ist.SH: In ihren Arbeiten wird diese taktile Erinnerung nun zur kruden Groteske.KW: Interessant ist, Sex und Begehren – das sind die saftigsten Teile der Geschichte. Man will damit ja nicht direkt etwas zu tun haben, aber Kunst kann diese unkonfortablen Gefühle sehr präsent, sehr real machen – ohne wirklich ein moralisches Urteil zu fällen.


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