Pipilotti Rist bei Hauser & Wirth

Pipilotti Rist · Supersubjektiv, 2001, Still aus Videoinstallationsband, Courtesy Hauser & Wirth

Pipilotti Rist · Supersubjektiv, 2001, Still aus Videoinstallationsband, Courtesy Hauser & Wirth

Besprechung

Iwan Wirth, der Rastlose, hat im Zürcher Löwenbräu-Areal einen weiteren Galerieraum eröffnet. Und wer könnte für seine Einweihung besser geeignet sein, als Pipilotti Rist, welche die Galerie vor ein paar Jahren als erste in die Medien gebracht, darin bisher aber noch nicht ausgestellt hat.

Pipilotti Rist bei Hauser & Wirth

Der Wind verfängt sich in Haaren, zaust und streichelt sie, dreht kleine Strähnen und lässt sie wie Schnürchen auf den Kopf zurückfallen. Ornamente entstehen, locker von der Schwerkraft und vom Zufall gefügt, bevor Autos in den Blick drängen. Blätter liegen am Boden wie Farbtupfer, welche der Himmel auf den Beton gesprengt hat. Dann beginnen sie sich mit der Kamera zu bewegen, gewinnen Volumen und Gewicht und sind im nächsten Augenblick schon wieder vergessen. Die Kamera macht Räume zu Oberflächen, entdeckt Farben und wandert weiter. Sie ist wie das Auge eines Flaneurs, der in seiner Ziellosigkeit höchste Wachsamkeit aufbringt für Details, die sich jeder Begründung entziehen, die heraustreten aus dem Fluss der Dinge, als würde der Blick der Kameralinse genügen, um sie zu einem besonderen Leben zu erwecken, bevor sie wieder in den Strom der Bilder zurückversinken und erlöschen. Pipilotti Rist hat die meisten dieser Bilder während eines Aufenthaltes in Japan gefilmt. Studenten hätten ihr eigene Arbeiten gezeigt, sie ihre Bilder, erzählt sie. Beim Gespräch habe das gemeinsame Essen im Vordergrund gestanden. Ritualcharakter hatte beides. In Japan zieht man üblicherweise die Schuhe aus, wenn man die innere Zone eines Hauses betritt, Japaner holen Bilder traditionellerweise erst hervor, um sie zu betrachten. Die Entstehung der Videoinstallation ist nicht nur in den Autofellen präsent, die am Boden liegen und japanische Teppiche ersetzen.Die Flüchtigkeit, die Kostbarkeit und das Entspannte der Situation sind den Filmbildern geblieben, die Pipilotti Rist nun für die Eröffnung des neuen Ausstellungsraumes der Galerie Hauser & Wirth geschnitten hat. Die gewohnte technische Raffinesse, die vollständige Kontrolle über Schnittfolge und Assoziationssprünge scheint die Künstlerin für einmal hintangestellt zu haben, als wollte sie austesten, wie hart die Schnitte sein dürfen, damit das Bewusstsein noch Bezüge schafft und die gewünschten Emotionen sich einstellen. Maximale Kunstunterbietung, sonst ein Kennzeichen der Kollegen Peter Fischli und David Weiss, scheint sie fasziniert zu haben. Dabei zeichnen sich beiläufig zwei Bedeutungsfelder ab: Japanisches Lokalkolorit, etwa in deliziösen Speisearrangements und Schriftzeichen, hebt sich vor international Austauschbarem ab und lässt die ziellose Heterogenität der Globalisierung anklingen. Zum anderen oszillieren Bilder wie Blüten, Blätter oder Moose mit dem Alltag von Stadt und Industrie und greifen aus westlicher Sicht den Topos der Natur als Gegenwelt auf, wie auch Zengärten ihn formulieren. Dass diese Bilder aus der Perspektive des Verlusts gefilmt sind, dass Melancholie den Blick bestimmt, wird durch die musikalische Begleitung und den erstaunlich ruhigen Rhythmus, aber auch durch die Projektion auf die abblätternden Wände verstärkt. Das belgische Büro Paul Robbrecht und Hilde Daem haben auf drastische Eingriffe verzichtet und lediglich die alten Kessel aus der Halle geräumt. Pipilotti Rist zeigt sich auf der Suche und hält unterwegs die Augen offen.


Bis 
18.05.2001
Autor/innen
Gerhard Mack
Künstler/innen
Pipilotti Rist

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