Aleksandra Mir in der Galerie Francesca Pia

Aleksandra Mir · HELLO (excerpt), Tom Jones / Baby Thor Jarl Jonasson, LA, 1996, 2000–2001.

Aleksandra Mir · HELLO (excerpt), Tom Jones / Baby Thor Jarl Jonasson, LA, 1996, 2000–2001.

Besprechung

Mit «Hello», einer Serie von gefundenen Portraitfotos von Prominenten und No-Names, ist Aleksandra Mir schon im Barbican Art Center in London und bei Gavin Browns Enterprise in New York aufgetreten. Die eindrückliche Synchronopse führt querbeet durch verschiedene Jahrzehnte, Länder und soziale Szenerien. Auch in Bern hat die Künstlerin ihr work in progress spezifisch an den Ausstellungsort angepasst.

Aleksandra Mir in der Galerie Francesca Pia

Aufnahmen von Staatsherrschern und Box-Champions, Popstars, Piloten, Meisterköchen und anderen «ganz normalen Menschen» reihen sich an den Wänden der Galerie Francesca Pia aneinander, in verschiedenen Formaten hinter Glas an die Wand gepinnt. Das Konzept der Aneinanderreihung ist so einfach wie ein Dominospiel: auf jedem Bild treten mindestens zwei Protagonisten auf, wobei eine/r von ihnen auf dem folgenden Bild mit einer weiteren Person erneut zu sehen ist. So setzten sich die Aufnahmen von Mick Jagger und Jerry Hall fort mit einem Foto von Hall und ihrer Freundin Marie Levin. Das darauf folgende Foto zeigt die Kosmetikqueen Marie Levin Arm in Arm mit Salman Rushdie in London, der auf dem nächsten bei einem Schriftstellertreffen in Hamburg mit Günther Grass posiert.

Aleksandra Mir verfügt inzwischen über eine riesige Sammlung. Praktisch könnte die ganze Family of Men hier hinein passen. Die polnische Künstlerin (*1967), die seit 1989 in New York lebt und dort an der School for Social Research Kulturanthropologie studiert hat, ist bekannt für ihren kritisch-karikierenden Blick auf die mediale Aufbereitung der Weltgeschichte. So inszenierte sie sich 1999 selbst als «First Women on the Moon» in einer medienwirksamen Performance, die auf einem Strandgelände in Holland stattfand. In der Fotoserie «Hallo» gibt es keine fakes. Die Scans, die aus Presse- und Staatsarchiven sowie privaten Fotoalben stammen, wurden von der Künstlerin lediglich mit Photoshop bearbeitet, um bestimmte Posen und Gesten zu betonen. Die Posen wirken oft nur wie für die Kameras inszeniert: die Handshakes zwischen verfeindeten Staatsmännern, das siegessichere Armehochreissen der Politiker und Sportler, die zur Schau getragene lässige Harmonie der Spice Girls. Eine Aufnahme der steif dasitzenden Familie Eisenhower von 1965 unterscheidet sich kaum vom Portrait der japanischen Herrscherfamilie Hirohito aus derselben Zeit. Wahre Trouvaillen sind die ungekünstelten Schnappschüsse, etwa von George William Burroughs und Allen Ginsberg, zwei wirklich alten Männern, die auf dem Porch zusammen sitzen und aussehen wir zwei kleine Jungens, die sich von einem wilden Streich erholen. Oder ein Privatfoto vom 1997 verstorbenen grossen Künstler James Lee Byars, der in die Annalen eingegangen ist mit seinen exzentrischen öffentlichen Auftritten an den verschiedensten Orten der Welt. Hier sieht man ihn, wie immer elegant gekleidet mit weissem breitkrempigen Hut und schwarzen Handschuhen, gemütlich am Küchentisch der Berner Galeristin Pia Francesca sitzend, mit ihrer Tochter Noëlle auf dem Schoss.
Bis 25.5.

Autor/innen
Beate Engel
Künstler/innen
Aleksandra Mir

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