Anri Sala in der Galerie Hauser & Wirth

Anri Sala · Christmas Tree, 2002, Farbfotografie, Ed. 1/5 + 2 AP, 110 x 157 cm; Courtesy Galerie Hauser & Wirth, Zürich

Anri Sala · Christmas Tree, 2002, Farbfotografie, Ed. 1/5 + 2 AP, 110 x 157 cm; Courtesy Galerie Hauser & Wirth, Zürich

Besprechung

Die jüngsten Videoarbeiten und Fotografien von Anri Sala, die in der Galerie Hauser & Wirth zu sehen sind, halten in eindrücklichen Bildern Spuren der kommunistischen Vergangenheit und der bürgerkriegsähnlichen Konflikte in Albanien fest.

Anri Sala in der Galerie Hauser & Wirth

Der 1974 in Tirana (Albanien) geborene und seit 1997 in Paris wohnhafte Künstler hat mit den Kurzfilmen «Intervista» (in der Ausstellung: After the Wall. Art and Culture in Post-Communist Europe, Moderna Museet, Stockholm, 1999) und «Nocturnes» bei der Manifesta 3 in Ljubljana, 1999, sowie mit dem an der letzten Biennale von Venedig gezeigten Video «Uomoduomo» die internationale Aufmerksamkeit erregt. Salas Arbeit hebt sich von vielen mit narzisstischen Themen und spektakulären Effekten befrachteten Videoproduktionen der jüngeren Generation angenehm ab. Sie ist nicht durch Nabelschau motiviert, sondern durch eine Identitätssuche, die in einen sozialen und kollektiven Kontext eingebunden ist.

Beim Betreten der Galerie Hauser & Wirth empfängt den Besucher ein Löwengefauche. Es führt uns zu der Videoinstallation «Arena», 2001, und damit in die verlassene Einöde des Zoos von Tirana. Der Zoo verwahrloste während der Bürgerkriegswirren Ende der neunziger Jahre und man überliess die Tiere ihrem Schicksal. In der Videoarbeit sieht man die Raubtiere und Affen lediglich als Schatten; ihre Laute unterbrechen die gespenstische Düsternis des heruntergekommenen Zoos. Die Kamera wird sachte zwischen den Tiergehegen mit rostigen Gittern und aus der Perspektive der gefangenen Tiere geführt. Sie lässt den Blick ähnlich wie der Blick eines durch die Gefangenschaft zermürbten Tieres in die Umgebung schweifen: Ein an den Zoo vorrückender Stadtrand mit schäbigen Wohnblöcken, bevölkert von streunenden Hunden wird sichtbar. Die kriechende Kameraführung, welche Stimmungen ausnehmend gut einfängt, beschwört eine andere Zeit herauf und die Bilder gerinnen zu einer Metapher für Grenzen, Unausweichliches, Unsagbares und Verstummen.

In der Videoarbeit «Observer», 2002, imitiert ein Schauspieler, der sich während des serbisch-bosnischen Konfliktes in Belgrad aufgehalten hat, mit seiner Stimme erschreckend echt den Angriff von Bombern. Das in Intervallen zu hörende unerträgliche Pfeifen der Raketen lässt die markerschütternde Pein und Ohnmacht erahnen, welche die Attacken bei diesem jungen Mann ausgelöst haben. Die perpetuierende Imitation macht die Absurdität von Gewalt und der sich stets wiederholenden Geschichte bewusst.

Auch die Fotografien von Anri Sala erzählen von der konfliktgeladenen Vergangenheit, von gefährlichen Zonen in einem Niemandsland, die an Szenen aus dem Film «Stalker» von Andrej Tarkowsky erinnern. Ein zerschossenes Haus oder eine banale Landschaft, die in sozialistischen Zeiten der Armee als «Réduit» gedient hat und heute der Öffentlichkeit zugänglich ist: Alles Zeichen eines nicht mehr funktionierenden Alltags, einer irrealen Realität.

In diesen und in früheren Arbeiten setzt Sala vornehmlich Fragen der kulturellen Identität – etwa die Komplexität seiner Situation als Wanderer zwischen zwei Welten (zwischen Tirana und Paris) – in Beziehung zu einem kollektiven Kontext. Die Erinnerung an seine individuellen Erfahrungen, an seine persönliche und familiäre Geschichte verknüpft er mit der Geschichte Albaniens. Sala hält die Realität fest und bleibt gleichzeitig – wohl aufgrund der langsamen Kameraführung – auf Distanz.
Bis 11.5.

Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Anri Sala

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