Persönliche Pläne/Als Gast von Hinrich Sachs: Leonore Mau, Fotografin

Leonora Mau · Priester in Rio Branco (Westbrasilien); Courtesy Kunsthalle Basel

Leonora Mau · Priester in Rio Branco (Westbrasilien); Courtesy Kunsthalle Basel

Besprechung

Während im Oberlichtsaal der deutsche Künstler Hinrich Sachs eine Auswahl Fotografien von Leonore Mau präsentiert, führt die von Christina Végh kuratierte Ausstellung «Persönliche Pläne» in den Haupträumen zwölf internationale Künstlerinnen und Künstler zusammen, die im Medium der Zeichnung Koordinaten subjektiver und kultureller Zustände setzen. Daraus gehen komplexe Figurationen hervor, welche die Bewegungen zwischen persönlichem Plan und Welterfindung einem Seismographen ähnlich niederlegen: fragile VerZeichnungen.

Persönliche Pläne/Als Gast von Hinrich Sachs: Leonore Mau, Fotografin

zwei Ausstellungen in der Kunsthalle

Wenige Linien konturieren Rita Ackermanns (*1968) auf die Wand applizierte Zeichnung «Moment», die im Profil den Oberkörper einer Frauengestalt andeutet, welche am geöffneten Fenster mit dem Gesicht zum Betrachter steht. Ein Vogel flattert in den Raum hinein und verkörpert die für das Medium prägende Figur des Ephemeren. Das Wandbild sowie weitere Blätter der Künstlerin verflechten programmatisch die Aussen- mit der Innenwelt und dem Raum als architektonischer Struktur. Die Zeichnung fungiert als Scharnier zum Denken und Planen, sie potenziert sich im Zeit- und Lebensplan und dehnt sich in der Ausstellung immer wieder auf Objekthaftes und Räumliches aus. Der Ausgangspunkt für Edgar Arceneauxs (*1972) Installation «Drawings of Re-Moval #2», die er zum sechsten Mal präsentiert und an der er jeweils nur während der Aufbauphase arbeitet, reflektiert die persönliche Familiengeschichte. Er schichtet mehrere grossformatige Papierbogen übereinander, heftet diese an die Wand und schneidet einmal aufgetragene Zeichnungen aus und fügt neue hinzu. Das Papier wird Projektionsfläche für die Erinnerungsarbeit: Jede neue Ausstellungssituation zieht Modifikationen nach sich, rekonfiguriert das Erinnern selbst und wird zu einem Modell für die latente Gefährdung innerer Ordnungen. Thomas Baumann (*1967) schliesslich inszeniert mit seinem computergesteuerten Plotter ein vorgezeichnetes Ereignis, bei dem seine Zeichnungen aufgrund eines präzis kalkulierten Plans der Zufälligkeit entstehen.

Auch die Arbeiten der 86-jährigen Fotografin Leonore Mau (*1916) lassen sich als Aufzeichnungen eines persönlichen, quasiethnografischen Blicks auf eine fremde Welt sehen, selbst wenn das Konzept ein ganz anderes ist. Die deutsche Fotografin bereiste fremde Kontinente und erkundete eine terra incognita ritueller Räume, die den Betrachter gleichzeitig mit einer ungewohnt direkten Bildsprache und deren Konstruiertheit konfrontieren: eine Serie kleinformatiger Bilder zeigt eine Autopsie, während sonst meist zeremonielle Handlungen festgehalten sind. Die Ausstellung selbst ist Gegenstand eines künstlerischen Experiments, das neue Formen der Zusammenarbeit durchspielt und aus veränderten kommunikativen Vorgaben schöpft. Der in Basel lebende Hinrich Sachs (*1962) mimt die Pose eines Kurators, indem er Mau in die Kunsthalle einlädt und dadurch ihr Werk in einen künstlerischen Kontext verlegt. Sachs selbst agiert verdeckt als Grenzgänger. Seine künstlerische Leistung manifestiert sich performativ in Auswahl- und Vermittlungsprozessen, durch die neue Wahrnehmungsmodi erprobt werden und zugleich ein fotografisches Werk eine Würdigung erfährt.
Bis 12.5.

Werbung