«Signatures of the Invisible» im Centre d''Art Contemporain

Sylvie Blocher · Living Pictures/The Meditation Room Installation vidéo, 2001; Courtesy: The Londone Institute

Sylvie Blocher · Living Pictures/The Meditation Room Installation vidéo, 2001; Courtesy: The Londone Institute

Besprechung

– oder wenn Kunst und Physik gemeinsam nach den Sternen gucken. Leonardo da Vinci nannte sich selbst «Ingenieur», beschäftigte sich mit Anatomie, mit Kanonengiessen ebenso wie mit der Anlage von Zentralheizungen. Heutzutage, wo in den Naturwissenschaften ein Höchstmass an Spezialisierung gefordert wird, ist schon ein Erfahrungsaustausch zwischen Künstlern und Kernforschern eher ungewöhnlich. Dass dabei auch noch eine Ausstellung mit elf namhaften europäischen Kunstschaffenden zustande kommt, ist der Zusammenarbeit zwischen dem CERN in Genf und einer Kunstschule, dem renommierten London Institute, zu verdanken.

«Signatures of the Invisible» im Centre d''Art Contemporain

Das CERN, das europäische Zentrum für Nuklearforschung, ist weltweit das grösste Laboratorium für Teilchenphysik. Die Künstler wurden mit Spitzentechnologie konfrontiert, mit komplizierten Detektoren und kilometerlangen Akzeleratoren, in welchen Protonen zur Kollision gebracht werden, um dem Ursprung der Materie und des Universums auf die Spur zu kommen – aber auch mit den Menschen, mit den Wissenschaftlern, die sich tagtäglich in dieser Welt bewegen. Diese stehen im Mittelpunkt der eindrücklichen Videoinstallation «Living Pictures/The Meditation Room» der Französin Sylvie Blocher (*1953). Sie hat elf Physiker des CERN, darunter einen Nobelpreisträger und zwei Frauen, vor der Kamera befragt. Projiziert werden ihre Köpfe mit nacktem Hals in einer runden Form, die an antike Münzen oder Medaillen erinnert. Verletzlich, manchmal verlegen, schweigen sie oder reden von ihrer Arbeit, von Bomben und von den Sternen, von Einstein und von der Liebe: «What of beauty when it meets cold? (Silence) Beauty dies!». Das ist Physik in Poesie übersetzt.

Ganz anders die Schwedin Monica Sand (*1958). Schon seit zehn Jahren beschäftigt sie sich mit Kernphysik und benutzt in ihren Skulpturen Materialien, die in der Forschung verwendet werden. In ihrer aus dreissig Holzkisten bestehenden Installation «Maxwell’s Field» sammelt sie Licht, aber auch Schatten und Dunkelheit. Lichtfäden oder -stäbe mit unterschiedlicher Leuchtintensität bilden einfache geometrische Muster. Dan Flavin multipliziert miniaturisiert. Auch Paola Pivis (*1971) säulenförmige Metallplastik ist mit komplizierten technischen Raffinessen ausgestattet. Feine Drähte, die mit winzigen schnabelförmigen Nadeln besetzt sind, reagieren auf die Berührung der Bodenplatte durch den Betrachter, beginnen zu schwingen und erzeugen dabei einen zwitschernden Ton. «Untitled 2001» verwandelt sich in eine künstliche Voliere. «Patience, 2001», ein C-Print auf Aluminium, von Tim O’Riley (*1965) gehört zur Gattung der Stillleben, die jedem Bildgegenstand eine spezielle Bedeutung zuordnen. Die Patiencekarten stehen für Geduld und Zufall – Prinzipien, die auch in den exakten Wissenschaften eine nicht unwesentliche Rolle spielen. In seinem Video mit zwei sich frei im Raum drehenden Würfeln, «And so on 2001» verbindet der Künstler aus London Glückspiel mit neuester Computertechnologie. A propos Computer: Auch das World Wide Web ist eine Erfindung des CERN. Mit Katalog.
Bis 12.5.

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