«Zeitmaschine» im Kunstmuseum

Saalaufnahme mit versch. Werken (unbekannter Berner Nelkenmeister: Die Namengebung des Johannes, um 1490; Ilya J. Kabakov: Medusa’s Raft, 1998), Foto: P. Lauri, Bern, © 2002 by Pro Litteris

Saalaufnahme mit versch. Werken (unbekannter Berner Nelkenmeister: Die Namengebung des Johannes, um 1490; Ilya J. Kabakov: Medusa’s Raft, 1998), Foto: P. Lauri, Bern, © 2002 by Pro Litteris

Besprechung

Wie rückt man die Sammlung
in ein animierendes Licht? Mit dieser Frage waren in letzter Zeit viele Museen konfrontiert. Ralf Beil, Kurator und Konservator am Kunstmuseum Bern, stellt nun unter dem Titel «Zeitmaschine» eine Palette von interessanten Möglichkeiten vor.

«Zeitmaschine» im Kunstmuseum

Geht man im Berner Kunstmuseum die Treppe hinunter, um in der Garderobe seine Sachen zu verstauen, passiert man eine Glasscheibe, die einen ersten verheissungsvollen Blick in mit mittelalterlichen Gemälden gefüllte Ausstellungsräume erlaubt. Hinter dieser schützenden Quarantänebarriere wurde jetzt das Krankenbett von Ilya Kabakov, «Das Floss der Medusa», 1998, aufgebaut und mit dem Berner Nelkenmeister entwickelt es ungeahnte Synergien. Derartige Sammlungsinterventionen, die Platzierung eines Fremdkörpers in ansonsten stilistisch geschlossene Reihen, sind eine der vielen Möglichkeiten, alte und neue Werke in einem Zeiten-Switch zu neuem Leben zu erwecken. Eine andere besteht darin, ein Thema mit verschiedensten Werken zu füllen. Ausgangspunkt für eine derartige Strategie war die aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammende, bisher kaum beachtete «Berner Kebes Tafel» von Joseph Plepp, auf der ein milchgesichtiger junger Mann von einer tölpelhaften Fortuna mit reichem Goldsegen überschüttet wird. Aus den Museumsgruften befreit hängt sie nun auf dunkelgrünem Grund umgeben von jüngeren und jüngsten Werken, die ähnlich unfassbare Dinge oder Lebenswegmotive zeigen. Francisco de Goyas Alpträume und Gesichte, die Markus Raetz in einer stürmischen Nacht erschienen, tauchen auf. Zudem macht sich eine Art Badezimmergesummsel von Dieter Roth breit. «Halt dein Rössli nur im Zügel, hinter jedem neuen Hügel, dehnt sich die Unendlichkeit», hallt in Variationen, die von lieblich bis unflätig reichen und in Wasserrauschen und Rülpser eingebettet sind, durch den dunklen Raum. Eine befreiende Stimmung von Eigenbrötlertum, Musse und Heiterkeit macht sich breit. Ohne Zweifel gehören solche akustischen, keineswegs aufdringlichen, aber äusserst subversiven Laut-Untermalungen zu den Höhepunkten der Zeitmaschine – allerdings: Alle über das Haus verteilten Tonspuren von Dieter Roth sind eigentlich Bestandteil von dessen grossem «Chicago Wandbild», 1976–1984. Darf ein Kurator ein Werk so zersetzen? In der «Zeitmaschine» gibt es noch viele weitere Kombinationen des Unzeitgemässen zu entdecken. Beispielsweise hat Ralf Beil Räume als Zeitkanäle aneinandergereiht. Oder er hat Künstlerinnen und Künstler gebeten, auf einzelne Heroen aus der Sammlung einzugehen. Wer denkt, er kenne die Berner Bestände, der wird hier eines Besseren belehrt. Mit grossem Rahmenprogramm. Mit Katalog.
Bis 21.7.

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