The Revenge

Im Vordergrund: aus der Serie
«Art is the better life», 2003, Skulptur (mit Holzsockel, diversen Objekten
und Schrift), Mixed media, 375 x 170 x 195 cm, Unikat
Links: aus der Serie «Art is the better life», (Thousand or More Images), 2003,C-print hinter Plexiglas/Holz/Farbe, Triptychon/Jedes Bild 200 x 125 x 10 cm, Unikat

Im Vordergrund: aus der Serie
«Art is the better life», 2003, Skulptur (mit Holzsockel, diversen Objekten
und Schrift), Mixed media, 375 x 170 x 195 cm, Unikat
Links: aus der Serie «Art is the better life», (Thousand or More Images), 2003,C-print hinter Plexiglas/Holz/Farbe, Triptychon/Jedes Bild 200 x 125 x 10 cm, Unikat

Fokus

Kaum 13 Jahre ist es her, dass Urs Lüthi im Rahmen seiner Ausstellung im Helmhaus Zürich die «universelle Ordnung» ins Bild setzte; er, der 1990 schon fast ein Gerücht seiner selbst war und bis anhin kaum je eine Ordnung eingehalten hatte. Der begnadete Selbst-Darsteller und Seiltänzer über dem Abgrund zwischen Kunst und Kitsch kehrt
nun – nach grossen Auftritten an der Biennale in Venedig und anderswo – als Rächer zurück: «The Revenge» heisst seine neuste Ausstellung bei Bob van Orsouw.

The Revenge

Urs Lüthis Kunst für ein besseres Leben

Thematisch im Umkreis der den irdischen Glücksversprechungen und Glückserwartungen gewidmeten Werkzyklen der letzten Jahre angesiedelt, begegnen wir hier einem zwar zusehends ernüchterten, aber wohl immer noch von der Sehnsucht nach dem Glück erfüllten Akteur, wie immer der Künstler selbst. Er rennt nicht mehr um sein Leben, sondern stellt sich jetzt mannhaft den im Alltag unvermeidlichen Tücken des Objekts. Wenn er eine widerspenstige Kommode mit einem Ungetüm von Hammer traktiert, wenn er abheben will und doch immer wieder fällt, auch mit einer Ladung von Geschirr, dann ist das wieder ein zwischen Witz und Wahnwitz angelegtes Unternehmen. Genauso wie der graubraune Bilderbrei, der sich aus den vielen Überlagerungen von Fotografien ergibt und der in dem für Lüthis Schaffen charakteristischen Bereich anzusiedeln ist, in welchem die schillernde Oberfläche die ambivalente Gleichzeitigkeit einer unergründlichen Tiefe signalisiert. Schon die sentimentalen Selbstbildnisse der Siebziger Jahre, in denen sich der Künstler mit einem unschuldigen Hang zur Travestie in unterschiedlichen Posen der Tristesse und der Verlorenheit zeigte, waren weniger narzisstische Selbstbespiegelungen, sondern zusehends radikaler werdende Untersuchungen der condition humaine. Die bizarre, nicht selten clowneske Identität zwischen Autor und Motiv spiegelt die reziproke Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft und so entstehen Bilder, deren Perspektive vom Besonderen auf das Allgemeine verweist und in der Wahrnehmung das Allgemeine wieder auf das Besondere zurückwirft.

Wieder zeigt sich, dass das Schaffen von Urs Lüthi durch eine bemerkenswerte mentale Agilität und ein vorurteilsloses Kunstverständnis charakterisiert ist. Sein facettenreich angelegtes ?uvre bewegt sich auf verschiedensten Ausdrucksebenen und parallel dazu in den unterschiedlichsten medialen Erscheinungsformen wie Fotografie, Malerei, Skulptur, Objekt, Video oder Installation. Das Ziel ist jedoch nicht die Entwicklung einer definierten stilistischen Bildsprache, denn im Vordergrund steht der souveräne Umgang mit den eingesetzten Medien und die radikale Auslotung ihrer kommunikativen Möglichkeiten. Daraus entwickelt der Künstler einen spezifischen, dem Motiv adäquaten Modus der Darstellung. Denn gerade die von Lüthi beschworene Welt aufgeladener Emotionalität, ungestillter Sehnsüchte und der ästhetischen Sensibilitäten verlangt nach sehr präzisen Formulierungen, soll das Projekt auf seinem gefährlichen Weg zwischen Erhabenheit und Banalität nicht abstürzen. Das Ding muss eine Gratwanderung bleiben, damit der von Cioran beschworene «feierliche Kitsch der Materie» in seiner irritierenden Irrwitzigkeit lesbar wird.

Künstler/innen
Urs Lüthi
Autor/innen
Max Wechsler

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