Richard Artschwager im Kunstmuseum

Richard Artschwager · Baby, 1962, Acrylfarbe auf Celotex, 125 x 105 cm, Privatbesitz, Winterthur

Richard Artschwager · Baby, 1962, Acrylfarbe auf Celotex, 125 x 105 cm, Privatbesitz, Winterthur

Besprechung

Richard Artschwager, einer der einflussreichsten amerikanischen Konzeptkünstler seit Mitte der sechziger Jahre, ist zur Zeit mit zahlreichen Zeichnungen, Bildern und einigen Objekten im Kunstmuseum Winterthur vertreten. Das Kunstmuseum kann sich rühmen, die weltweit umfassendste Sammlung seiner Zeichnungen zu beherbergen. Die ausgewählten Werke aus dem vielschichtigen ?uvre zeigen Artschwager als Meister der visuellen Täuschung.

Richard Artschwager im Kunstmuseum

Tisch, Teppich, Türe, Fenster, Spiegel bilden das Grundvokabular vieler Zeichnungen des 1923 in Washington geborenen Richard Artschwager. Die Gegenstände sind in den verschiedensten Grössenverhältnissen und unter gewagten Perspektiven dargestellt – etwa ein riesiger Tisch in Untersicht oder alle Objekte in eine Raumecke gepfercht. Kompositionen, welche die räumliche Wahrnehmung beachtlich irritieren. Damit wird die gewohnte hierarchische Ordnung der Dinge verunklärt und in Frage gestellt.

Andernorts nutzt Artschwager die Textur von gemusterten Celotex-Platten oder von grossporigem Papier, um den Dingen eine spezifische Erscheinung zu verleihen. So hat der Künstler Fotografien als Vorlagen verwendet, sie durch eine starke Rasterung zu einer fast monochromen Punktstruktur verfremdet und dann auf Hartfaserplatten übertragen. Dadurch ist der Eindruck einer grauen Gleichförmigkeit entstanden. Dennoch bewirken die so gefertigten Porträts, dass die Figur sich vom Bildträger löst und auf den Betrachter zuzubewegen scheint. Zwanzig Jahre zuvor hatte Artschwager die Textur der Hartfaserplatten motivisch übernommen und sie in feinmaschige, lichthaltige Netze übersetzt, die vom ausgesparten Papierrand begrenzt werden.

Dagegen scheinen die abstrakten, grauen, sfumatoähnlichen Bildflächen einen Schleier zu suggerieren, die einen dahinterliegenden Raum vermuten lassen. Dieser scheint denn auch in der Kohlezeichnung «Upper Right Hand Flame» wie ein Lichtreflex in die Bildfläche einzubrechen.

Zwischen den Arbeiten sind kleine, unscheinbare Objekte aus gummiertem Rosshaar aufgehängt. Es sind längsovale, flächige Objekte. Artschwager hat ihnen das Kürzel «Blp» verliehen. Sie erinnern an Anführungs- oder Ausrufezeichen und sind ganz und gar nutzlose Kunstelemente. Als solche fungieren sie als Instrumente des zweckfreien Sehens.

Die Objekte, Skulpturen und kubistischen Pseudo-Möbel von Richard Artschwager sind niemals eindeutig. Die frühen möbelähnlichen Objekte aus Formica sind mit grossem handwerklichem Geschick gefertigt und lassen zunächst an Alltagsmöbel oder Gebrauchsgegenstände denken. Sobald man die Objekte auf ihre Funktionsweise hin überprüft, entpuppen sie sich als Skulpturen und sogar als bildliche Darstellungen. Die Kategorien von Alltagsmöbel und Skulptur, Abbild und Erfindung, Bild und Gedanke verwischen sich und sind spielerisch in unerwartete Konstellationen gebracht. Ganz im Geiste Duchamps dienen die Möbel-Objekte sowohl der Analyse des Gegenstandes und seiner Bedeutung, als auch der Freiheit der Kunst. Stilistisch nehmen sie Charakteristika der Minimal Art vorweg und erinnern gleichzeitig an die Pop Art mit ihrem Bekenntnis zum Alltäglichen und Trivialen. Die Objekte und Zeichnungen wirken zusammen, so dass Kunst und Alltagserfahrung miteinander verschmelzen und gleichzeitig die Wahrnehmung aus ihrer Alltagsroutine gelockt wird.

Bis 
24.05.2003

Werbung