Im Auge des Zyklons

Guillermo Calzadilla (Mitte) im Gespräch vor der Arbeit The Nature
of Conflict, 2004, Benutztes Motorenöl und Wasser.

Guillermo Calzadilla (Mitte) im Gespräch vor der Arbeit The Nature
of Conflict, 2004, Benutztes Motorenöl und Wasser.

Returning a sound, 2004, DVD-Videostill; Fotos: texte&tendenzen, Courtesy Chantal Crousel

Returning a sound, 2004, DVD-Videostill; Fotos: texte&tendenzen, Courtesy Chantal Crousel

Fokus

Es ist heiss, der Schweiss klebt an der Stirn, in einer Ölpfütze schillert eine schmutzige Sonne in tausend Farben und eine Palme wiegt sich unheilverkündend im Wind. Das Szenario, das Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla in der Galerie Chantal Crousel in Paris eingerichtet haben, entführt in die Wetter der Karibik ? zur Erforschung sozialer Stürme.

Im Auge des Zyklons

Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla

Mit ihrer «human rights bell» wurden gerade im Pariser Couvent des Cordeliers die schrillen Töne längst nicht ausgefochtener Kämpfe für die Menschenrechte hörbar. Jetzt blasen die beiden Shooting-Stars der internationalen Kunstszene in der Pariser Galerie Chantal Crousel zum Angriff ? aus einem Moped-Auspuff, in den eine Trompete eingesetzt wurde. In dem fünfminütigen Video «Returning A Sound» fährt Homar, Inselbewohner und Aktivist, mit dem modifizierten Gefährt über die rund 9000 Quadratmeter grosse Insel Vieques bei Puerto-Rico. «Die Trompete», sagt Guillermo Calzadilla, «ruft zur Aktion auf. Nachdem die Insel sechzig Jahre lang für Militärtests benutzt wurde, müssen die Bewohner, die sich im Mai 2002 endgültig von den USA befreit haben, gemeinsam die Insel neu organisieren.»

Die Tour durch die noch immer explosiven Reste jahrzehntelanger Bombentests ist die Fortsetzung von «Land Mark», die Allora und Calzadilla letzten Winter in «Common Wealth» in Londons Tate Modern gezeigt haben. Seitdem sind die beiden Künstler weitergekommen. In der Kunstwelt wie in ihrer engagierten Forschung. «Ciclonismo», der Titel der Pariser Ausstellung, steht ? so wird in Gestalt eines Lexikonartikels definiert ? für die Koinzidenz zwischen der Kraft der Stürme und jener sozialer Bewegungen. «1867 bewirkte der Zyklon «Narciso» eine Hungersnot auf Puerto Rico», erklären die Künstler, «und führte so zur ersten grossen Revolte gegen die spanischen Besatzer.» Die Interdependenz von Natur und Kultur erhält durch die kleine Geste enzyklopädischer Bestimmung historisches Format.

Das Künstler-Duo meistert solche Gesten, macht die Potenz zu grosser Wirkung im Kleinen sichtbar. Zwei Fotos dokumentieren unter dem Titel «Land Mark (foot prints)» Fussabdrücke im Sand. Jeder Abdruck zeigt symbolisch eine der Interessengruppen im Kampf um die Befreiung der Insel. Folgenreiche, ephemere «Land Marks»: Der Sand befindet sich in der Bombenabwurf-Zone, die Präsenz der Aktivisten stoppte die derzeit grösste Militärmacht in ihrem Treiben und kostete vermutlich Millionen Dollars.

«Cyclonic Palm Tree», eine fünf Meter hohe exotische Palme, an der ein Ventilator befestigt ist, der sich gegen den Uhrzeigersinn dreht, gibt zu verstehen, wie machtvoll die Umkehrung gewohnter Richtungen sein kann. Gegen den Uhrzeigersinn dreht sich auch der Zyklon, und wir stehen im Auge des Wirbelsturmes, der uns durch unsere Geschichte trägt. Eine Reise, die zu schönen Aussichten führen kann. Für den kurzen Augenblick, in dem wir vergessen, dass wir der Erde zustürzen.

Jennifer Allora (*1974 in Philadelphia, USA) und Guillermo Calzadilla (*1971 in Havanna, Kuba) arbeiten seit 1996 zusammen und leben in San Juan, Puerto Rico und Cambridge, MA. Künstlerische und wissenschaftliche Ansätze verbindend, versuchen die beiden Künstler, urbane, politische und ökonomische Wahrnehmungs- und Kommunikations-Systeme begreifbar zu machen. Sie entwirren und aktualisieren diese im Ausstellungsraum, indem sie Technologien auf menschliches Mass herunterbrechen. Die Ausstellung bei Chantal Crousel, Paris, läuft noch bis zum 15.5., eine weitere Präsentation folgt in der Lisson Gallery, London, im April.

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