Gian Paolo Minelli in der Galerie Groeflin Maag

Gian Paolo Minelli · Galpón Colon #003, 2004, C-print, 50 x 60 cm, Ed. 5, Courtesy Groeflin Maag Galerie, Basel

Gian Paolo Minelli · Galpón Colon #003, 2004, C-print, 50 x 60 cm, Ed. 5, Courtesy Groeflin Maag Galerie, Basel

Besprechung

Analoge Fotografie in präzisen Zufallskompositionen, so lassen sich die Arbeiten des gebürtigen Schweizers Gian Paolo Minelli, der seit einigen Jahren in Buenos Aires lebt und arbeitet, eingrenzen. In einem labyrinthischen Requisitenlager des Theaters «Colon» im Barrio Piedra Buena, einem heruntergekommenen und berüchtigten Viertel von Buenos Aires, hat Minelli einen unermesslichen Fundus von Motiven für seine Bilder gefunden.

Gian Paolo Minelli in der Galerie Groeflin Maag

Was wir sehen sind Requisiten, die für irgendeine Szene oder Einstellung verwendet wurden und wahllos abgestellt auf eine neue Verwendung warten. Der Künstler hat dieses Materiallager im Laufe einer anderen Arbeit entdeckt, bei der er Jugendliche in ihrem Alltag im selben Viertel festhielt. Dabei ist die vermittelte Ruhe, die sowohl jene wie auch diese Bilder prägt, eine trügerische, angesichts der permanenten und förmlich greifbaren Gewalt auf den Strassen und in den Häusern. Hinzu kommt ein beengendes Gefühl bei den verschachtelten Bühnenelementen, die keinen Durchgang freigeben, sondern vielmehr in einer Sackgasse enden. Sie scheinen einer verbotenen Zone zu entstammen und erinnern bisweilen an die klaustrophobischen Anfangssequenzen aus Andrej Tarkowskijs Film «Stalker». Auch die Lichteinfälle und Farben sind unverwechselbar und erinnern an die Bilder von Erdbeben oder einer verheerenden Feuersbrunst. Wie dort, wohnt auch hier den Bildern ein nostalgisches Flirren inne, sehnt man doch jeweils jene Gegenwart wieder herbei, wo die gezeigten Elemente und Situationen ihren einstigen Zweck erfüllten. Gian Paolo Minelli interessiert sich hingegen für das authentische Motiv, das er so zeigt, wie es ist, ohne es zu ästhetisieren. So schön und durchdacht die Fotografien auch sein mögen, es handelt sich dabei immer um Elemente einer Scheinwelt. Das wird einem spätestens dann klar, wenn man es mit den Rückseiten des Gezeigten zu tun hat, mit den Schriften auf den Brettern und Leinwänden und den typischen Hohlformen, die meist durch verstärkende Holzlatten strukturiert sind und so anzeigen, was echt und was künstlich ist. Bedenkt man, dass das Theater und das Requisitenlager in einem Viertel liegen, in dem sich die täglichen Verhältnisse schwierig und lebensbedrohend gestalten, so erhalten die gezeigten Arbeiten eine tiefere sozialkritische Aufladung. Es sind die Versatzstücke einer scheinbar besseren Welt, die für einige Augenblicke die Wirklichkeit vergessen lassen. Die Säulchen, Balustraden und Spitzbogenfenster, die Intarsien, Balkone und Marmorimitationen holen die Betrachter an einem bestimmten Punkt ab, entfalten ihre eigenen Mythologien und entführen innert Sekunden in individuelle Welten, deren Bestand jedoch von kurzer Dauer ist und bald wieder einer täglichen Tristesse und Nüchternheit Platz machen.

Bis 
12.05.2005
Autor/innen
Simon Baur
Künstler/innen
Gian Paolo Minelli

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