Ilya und Emilia Kabakov im Kunsthaus

Ilya und Emilia Kabakov · Der Lebensbogen (Trümmerfragment einer Treppe), 2002, Modell

Ilya und Emilia Kabakov · Der Lebensbogen (Trümmerfragment einer Treppe), 2002, Modell

Besprechung

Was ist eine Idee und wie nimmt sie Form an, wird Realität? Wie wenig andere Künstler führen Ilya (*1933) und Emilia Kabakov (*1945) diesen kontinuierlichen Prozess der Weltwerdung vor Augen, diesen schöpferischen Akt der Bild- und Formfindung und dessen Umsetzung in einer alltäglichen Lebensrealtiät. Nun ist das russische Künstlerpaar wieder einmal im Kunsthaus Zug zu Gast, einer Stadt, in welcher sie mit dem subtil provokanten Brunnen auf dem Bahnhofplatz bereits vor einigen Monaten ein permanentes Zeichen gesetzt haben.

Ilya und Emilia Kabakov im Kunsthaus

Zimperlich sind sie nicht, Ilya und Emilia Kabakov, wenn es um die Realisierung ihrer Ideen geht. Dafür haben sie zu lange im sowjetischen Korsett gelebt, als dass sie sich nun, in ihrem neuen westlichen Leben, an irgendwelche Schranken materieller oder räumlicher Art halten würden. Dies wird beim Durchschreiten der Ausstellung im Kunsthaus Zug sofort klar. Da reihen sich Entwürfe an Entwürfe, doch seien die Zeichnungen noch so skizzenhaft, sofort kommen auf den Blättern auch Angaben, erläuternde Texte, Vermassungen dazu. Die Unerschütterlichkeit, mit welcher Ilya und Emilia Kabakov die Realisierbarkeit ihrer märchenhaften Szenarien einfordern, ist entwaffnend. Jede Idee, und sei sie auch noch so flüchtig auf einer Serviette umrissen, ist lebensfähig und es wert, umgesetzt zu werden. Mit welcher Geradlinigkeit dies geschieht, führen beispielsweise die Zeichnungen und das kleine Marmormodell für den Zuger «Drinking Fountain» vor Augen, dessen Sprengkraft gerade darin liegt, dass er das monumentale Bahnhofsgebäude in seiner gläsernen Perfektion wieder auf die menschliche Dimension und das Allgemeinmenschliche zurückdividiert.

Die Bandbreite der ausgestellten Projekte zeigt, dass es den Kabakovs nie um die hierarchische Wertung von wichtigeren oder weniger wichtigen Ideen geht, sondern darum, die Welt als Ganzes neu zu denken und zu gestalten. Die mentale Behausung, die sie entwerfen, hat viele Zimmer. Anders, als amerikanische Künstler der siebziger und achtziger Jahre, welche ihre Werke in einen möglichst neutralen White Cube oder als Landmarks in die Wüste setzten, gehen die Kabakovs von sozial genutzten und vielleicht auch übernutzten Räumen aus. Diese werden jedoch umgedeutet. Im öden Alltag werden die Passanten plötzlich durch einen «ungeklärten Vorfall» aufgerüttelt: Mitten auf dem Trottoir liegt ein gigantischer gestürzter Engel. Gemeinsamer Nenner aller Installationen ist das Sehnen nach einer verschworenen Gemeinschaft von Kulturträgern - eine Art neuformierter Intelligenzia -, welche die humanistischen Grundwerte allen sozialen und politischen Widerständen zum Trotz hochhalten und deren Tragfähigkeit auf einer privatmythologischen Ebene austesten.

Was in der aufgeklärten westlichen Kultur nur noch zwischen Kinderbuchdeckeln angesiedelt ist, wird hier als originäre weltschöpfende Kraft wieder spürbar. Projekte, die deutlich machen, dass Fantasie um der Fantasie willen gepflegt werden will, und diese als treibende Energie unserer Welt aller Bürokratisierung und Kommerzialsierung zum Trotz nicht ausgedient hat. Und wer weiss, vielleicht hat demnach auch das angekündigte «unterirdische Kunstarchiv» Kabakovs für den geplanten Erweiterungsbau des Museums ja echte Chancen, Realität zu werden.

Zur Ausstellung, welche in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Bielefeld und Albion, London realisiert wurde, ist ein umfassendes Buch im Kerber Verlag erschienen, «Ilya und Emilia Kabakov, Die Utopische Stadt», Hg. T. Kellein, B. Egging, 415 S., Fr. 68.--.

Bis 
04.06.2005

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