«Wolkenbilder» im Aargauer Kunsthaus

Meret Oppenheim · Frühlingstag, 1961, © ProLitteris, Zürich

Meret Oppenheim · Frühlingstag, 1961, © ProLitteris, Zürich

Besprechung

Wer sich die «Wolkenbilder» im Aargauer Kunsthaus als Reihe von William Turner über Ferdinand Hodler bis René Magritte und Balthasar Burkhard vorstellt, liegt richtig. Übersieht aber die essenziellen Schlaufen von der Theologie über die Meteorologie bis zur Fantasie.

«Wolkenbilder» im Aargauer Kunsthaus

Es sind die beiden Untertitel der in sich zweigeteilten Ausstellung, welche die Spannweite der «Wolkenbilder» aufzeigen. Der im Kern bereits in Hamburg und Berlin gezeigte Teil des Bucerius Kunst Forums fokussiert mit Werken vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert «Die Entdeckung des Himmels» in der Malerei des Barocks, der Aufklärung bis hin zur (symbolistischen) Abstraktion. Der von Stephan Kunz und Beat Wismer konzipierte Teil verschränkt sich punktuell mit ersterem und führt dann unter dem Stichwort «Die Erfindung des Himmels» von Jean Arp über Meret Oppenheim bis in die Gegenwart.

Die gesellschaftliche, wissenschaftliche und kunstgeschichtliche Entwicklung von Caspar Wolf bis Emil Nolde und die «flaneurhafte» Ausfächerung himmlischer Inspirationen von Piet Mondrian bis Nanne Meyer ist als komplexes «Verkehrssystem» mit mannigfaltigen Kreuzungen inszeniert. Was sich als ausgesprochen spannend erweist. Umso mehr als Aarau in seinem Teil klugerweise nicht Wolke an Wolke reiht, sondern die Ränder auslotet, mit Werken von Mark Rothko gar Kontradiktionen wagt. Sprich: Rothko verneinte jegliche «wolkige» Inspiration, das Auge macht sie aber dennoch. Vereint mit den Wolkenbildern von Gerhard Richter doppelt, doch gleichzeitig wird auch Richter von der Ungegenständlichkeit Rothkos beeinflusst. Wie der Kontext, der stetigen Transformation der Wolken entsprechend, das Wahrnehmungsfeld weitet, zeigt auch Gotthard Graubners «gesacktes Kissen», das ohne jegliche Denkanstrengung zur Regenwolke wird. Die Aarauer Ausstellungsmacher erweisen sich in «Wolkenbilder» einmal mehr als Meister der assoziativen Inszenierung.

Die Leichtigkeit des wolkigen Parcours durch die Kunst von der Moderne über den Surrealismus bis zur Vielfalt der Gegenwart ist allerdings nur darum so bestechend, weil sie das Fundament der Geschichte - die Interaktion zwischen Naturwissenschaften und malerischer Entwicklung - gültig trägt. Und dies nicht nur im Bild der Kunst, sondern auf der Basis eines 19.-Jahrhundert-Bildes, das ebenso von Aufklärung wie von Goethes Idealismus geprägt ist. Es gehört zum Überzeugendsten des ersten Ausstellungsteils, dass den Wolkenforschern - allen voran Luke Howard (1772-1864) - ebenso Raum gegeben ist wie denjenigen, die sie malend interpretieren und abstrahieren. Die kabinettartige Präsentation einer Vielzahl von Skizzen zeigt spannend, wie die Schritte im Kleinen häufig grösser waren als in den grossformatigen Tafelbildern. So beispielsweise nicht nur in den Aquarellen von William Turner und John Constable - Highlights ohne Zweifel -, sondern auch in den ebenso überraschenden miniaturhaften Himmelslandschaften eines Carl Blechen von 1829. Geglückt reflektieren auch die beiden autonomen Kataloge die unterschiedlichen Konzepte.

Bis 
07.05.2005

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