Barbara Heé bei Lutz & Thalmann

Barbara Heé · Chaviolas, 2000-2007, Carbon Pigment Inkjet auf Papier, 74 x 110 cm

Barbara Heé · Chaviolas, 2000-2007, Carbon Pigment Inkjet auf Papier, 74 x 110 cm

Besprechung

Unter dem Titel «Chaviolas» sind fotografische, schwarzweisse Ansichten des Silsersees versammelt, die dank präzise gewähltem Ausschnitt und speziellen Lichtverhältnissen ins Abstrakte kippen

Barbara Heé bei Lutz & Thalmann

Als würde die Welt still stehen: So unglaublich ist die Ruhe, welche die fotografischen Ansichten vom Silsersee, 2000-2007, von Barbara Heé ausstrahlen. Die tannenbewachsenen Hügel, die Berge, Wolken und die kleine Insel Chaviolas spiegeln sich in dem ruhigen Bergsee. Zur Wirkung von lautloser Regungslosigkeit trägt auch die konsequent etwas unterhalb der Bildmitte liegende Spiegelachse bei. Bald zeichnen sich kleine Häuser, Tannen und im Seegrund liegende Steine gestochen scharf ab, bald scheint sich das bewaldete Ufer und die Bergspitze im nebelverhangenen Himmel aufzulösen. Durch das Verfahren des Kohledrucks werden die Kontraste der schwarz-weissen Fotografien verstärkt und die Seelandschaft gewinnt malerische Qualitäten. Die im Silsersee liegende kleine Insel Chaviolas scheint sich besonders dank des Spiegeleffektes zu verselbständigen bis zu dem Punkt, an dem sich die Insel zu skulpturaler Objekthaftigkeit verdichtet. Auf ihre Formation antworten am Boden in Reih und Glied liegende konische Objekte, die «Trichtergruppe» von 1990/2007. Diese hat die Künstlerin in jahrelanger Arbeit mit Plastilin Schicht um Schicht aufgebaut und anschliessend in Beton giessen lassen. Die Oberflächen behandelte sie mit Aceton, Tee, Fett und Öl und liess die tonnenschweren Objekte immer wieder einen Hügel hinunterrollen, sodass sie eine Art von Patina ansetzten. Die Gedanken und Gefühle der Künstlerin müssen sich bei diesem langwierigen Prozess wohl auf die Objekte übertragen haben, wirken doch die Betonobjekte wie ein Kräftereservoir.
Mit den Oberengadiner Landschaften beschäftigt sich Barbara Heé (*1957, St. Gallen) schon seit 1987, als sie mittels Fotografien ihren Standort in der Malerei und Bildhauerei überprüfen wollte. Dabei stellte sie Realitätsuntersuchungen an und lotete die Grenzen der Wahrnehmung aus. Dafür arbeitete sie lediglich mit der Natur und nahm an ihren Fotografien keinerlei digitale Bearbeitungen vor. Indem die Künstlerin die Fotografie für das Herstellen von Realität gebraucht, ist sie zu einer ungeheuren Präsenz vorgestossen. Für eine einzige Fotografie stellt sie nach Prüfung der Lichtverhältnisse unzählige Versuche des immer gleichen, präzise gewählten Ausschnittes her, den sie während ihrer Spaziergänge aufnimmt. Doch je mehr sie sich um die Abbildung von Realität bemüht hat, desto surrealer und irrealer sind die Aufnahmen geworden. Dies zeigt sich im Vergleich mit der vor rund zehn Jahren entstandenen Serie desselben Motivs «Muott´Ota», als die Panoramen in die Vertikale gedreht waren. Diese Fotografien verraten nicht nur die Herkunft von den skulpturalen Arbeiten der Künstlerin, sondern sie erinnern auch an vergleichbare Spiegelungen von Sigmar Polke von 1987 und 1992, nur, dass sie bei ihm erotisch aufgeladen sind. Die Ansichten der jetzigen Serie dagegen sind mit dem bewaldeten, sich ins Endlose zu ziehen scheinenden Ufer und mit den Bergen im wolkenbedeckten Himmel malerisch aufgelöst und gleiten dadurch in eine abstrakte Dimension.

Bis 
11.05.2007
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Barbara Heé

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