Robert Estermann im Kunstmuseum

Robert Estermann · Distant Riders, 2007, Installation, © ProLitteris, Zürich

Robert Estermann · Distant Riders, 2007, Installation, © ProLitteris, Zürich

Besprechung

Auf einen einfachen Nenner ist Robert Estermanns Kunst nicht zu bringen. In seinen Installationen und Zeichnungen zieht er das scheinbar Eindeutige immer wieder in Zweifel

Robert Estermann im Kunstmuseum

Das Zoetrop, erfunden um 1830, ist ein Mittel optischer Täuschung. Es lässt uns durch vertikale Schlitze in eine kleine, sich drehende Trommel blicken, sodass sich Bilder an der Innenwand der Trommel Menschen oder Tieren in Bewegung zeigen. Robert Estermann bedient sich dieses in unserer Zeit vergleichsweise archaischen Mediums, vergrössert es und lässt uns eintreten: Wir sehen uns inmitten von neun schwarzweissen Fotos von jungen Frauen, die auf Pferden über einen Strand reiten. Die Frauen sind meist Thailänderinnen. Eine - sie ist als einzige nackt - ist Europäerin. Die Trommel bewegt sich nicht, aber wir bewegen uns in ihr. Sehen wir die neun Reiterinnen als eine Reiterin? Was vom Erfinder William George Horner als raffiniertes Instrument optischer Illusion gedacht war und der Visualisierung der Bewegung diente, verwischt in Estermanns Installation «Distant Riders» fast alles und verführt uns. Die starke räumliche Präsenz des Objekts nimmt uns physisch in Beschlag. Die voyeuristische Guckloch-Perspektive des Zoetrops führt ins Zentrum jeder Kunst. Entsprechend rufen die Frauen auf Pferden verhalten erotische Konnotationen hervor, was der Umstand, dass die Modelle immer noch tausend falschen Klischees unterworfene Thailänderinnen sind, zusätzlich unterstreicht. Im Kopf des Besuchers mag sich denn auch Kritik an europäischer Weltsicht melden.
Doch signalisieren die lustvoll am Strand reitenden Frauen nicht, viel harmloser, einen schönen Traum - wie auch die Installation «Pillars for the Bay of Shanghai»? Fünf hohe Bauplatten grenzen einen Raum aus. Die Scharnierstellen geben einen knappen Blick frei auf eine bunte Ansicht der Bucht von Shanghai. Um den Raum herum stehen vier Tischwagen mit je vier kurzen versilberten Stahlstäben. Die Formensprache der Installation ist minimalistisch und eindeutig, was aber zu keinerlei Klarheit verhilft, sondern nur Fragen stellt. Sind es Zauberstäbe? Ist das Bild eine Projektion? Wird hier der Traum von der Stadt auf Pfeilern über dem blauen Meer geträumt? Der Traum wäre brüchig. Das farbige Bild ist unerreichbar und erst noch kaum wirklich zu identifizieren.
Auch Robert Estermanns Zeichnungen entziehen sich mit ihrer persönlichen Vorläufigkeit mehr als dass sie Klarheit schaffen. Vieles ist visualisierter Zweifel. Manches Blatt spielt an der Grenze. Die Zeichnung «Hitlerkugeln» lässt an süsse Mozartkugeln und zugleich an Tod bringende Bomben denken.
Die Ausstellung steht im Zusammenhang mit dem Manor-Kunstpreis für den 1970 geborenen Luzerner Künstler, der in Zürich arbeitet. Katalog Edition Fink.

Bis 
19.05.2007
Künstler/innen
Robert Estermann
Autor/innen
Niklaus Oberholzer

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