«Alle Zeit der Welt» in der Kunsthalle

Besprechung

Alle Zeit der Welt hat man für gewöhnlich nicht, um seine Lieblingspläne in die Tat umzusetzen. Die Wirklichkeit, sprich das Leben, setzt klare Grenzen und spätestens mit dem Tod des Einzelnen enden auch seine Projekte. Für die neue Mainzer Kunsthalle hat die Kuratorin Natalie de Ligt, die zuvor den Kunstverein Nürnberg leitete, «Alle Zeit der Welt» zum Titel ihrer Eröffnungsschau gemacht und zehn Künstler eingeladen, deren Werke über die Dauer einer langen Zeit entstanden oder als fortlaufende Projekte noch andauern.

«Alle Zeit der Welt» in der Kunsthalle

Beim Durchschreiten der Ausstellung kann man feststellen, dass die Beteiligten zwei Tugenden zu fruchtbaren Methoden machten: ausdauerndes Arbeiten auf der einen Seite und geduldiges Warten auf der anderen. Für Letzteres eignet sich wohl kaum etwas besser, als die Fotografie und mit ihr erfährt vor allem der Dresdner Christian Borchert (1942 bis 2000) eine lohnenswerte Wiederentdeckung. Er hat zu Beginn der 1980er Jahre, also mitten in sozialistischer Zeit, Familien in ihren Wohnzimmern aufgenommen. Klassisch und unaufgeregt sind die Bilder in Schwarz-Weiss gehalten, doch man spürt in ihnen das unerschütterliche Interesse für die Menschen und eine Sensibilität für die Szenerie, mit der sie sich umgeben. Etwa zehn Jahre später besucht Borchert die gleichen Personen wieder, platziert sie dort, wo sie schon vor Jahren gesessen haben und fotografiert noch einmal. Die radikalen Umwälzungen, die in den wenigen Jahren eine ganze Gesellschaft erfasst haben, sind beim Abgleich der Bilder nur nebenbei sichtbar - ganz anders als dies Politik undMedien, aber auch die Erzählungen der Zeitgenossen vermitteln. In Borcherts Fotografien ist vor allem eines zu beobachten, dass nämlich das Individuum auch erstaunlich beständig sein kann. Umdas Wandelbare in der Erscheinung geht es hingegen in dem Projekt des Berliners Jens Risch (*1973). Er arbeitet täglich mehrere Stunden an einem tausend Meter langen Seidenfaden und setzt Knoten an Knoten. Das Material verändert sich durch diese Fleissarbeit quälend langsam, aber nach etwa vier Jahren ist aus dem feinen Faden ein korallenartiger Knäuel geworden, feingliedrig und nur so gross, dass er in eine hohle Hand passt. Ähnlich akribisch arbeitet auch der Frankfurter Jürgen Krause (*1971), wenn er mit einem Messer Konfetti aus weissen Papierbögen schneidet, das er sammelt und zu einem besonderen Anlass feierlich in die Luft wirft. Beharrlichkeit ist also gefragt, um am Ende seine Ziele zu feiern oder eine lebenstaugliche Erkenntnis daraus zu ziehen, dass die Wahrnehmung von Zeit eine ungeheuerliche Sinnlichkeit und Intensität bereit hält - eine Charakteristik, die auch für die Werke von Angela Fensch, Nicholas Nixons, Meike Dölp, Michael Franz, Tobias Tragl, Hans-Jörg Georgi und Claus Richter gilt. Ab jetzt soll es jährlich etwa fünf grosse Ausstellungen geben, jeweils ergänzt um «Trabanten», die mit unabhängigen Einzelpräsentationen zeitgenössischer Positionen das Angebot ergänzen.

Bis 
17.05.2008

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