Editorial

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Die Single auf der Titelseite lässt sich nicht abspielen. Doch die mit Maschine genähten Rillen legen Fährten. Ihr hypnotisches Kreiseln leitet über zu einer Fahrt bei geöffnetem Fenster und laufendem Radio. Genau darum geht es im aktuellen Beitrag in der Reihe «Paarläufe - zwischen Kunst und Literatur». Dafür haben diesmal Frank Heer, Autor und Musiker aus Zürich, und Michaela Melián, Künstlerin und Musikerin aus Oberbayern, zusammengefunden. Die Single liefert das Leitmotiv: «Ausfahrten».
Melián «lässt Bilder noch einmal durch die Maschine laufen», verdichtet sie zu offenen Projektionsflächen, die sich durch konkrete Erlebnisse atmosphärisch aufladen. Sie werden zum Regen, der auf die Windschutzscheibe prasselt, evozieren den Blick in den Rückspiegel auf die vorbeiziehende Landschaft oder lassen die enge Schicksalsgemeinschaft zweier Reisender spürbar werden. Ökonomisch und vieldeutig sind auch die Fäden, welche Frank Heer mit seiner Erzählung auslegt. Der Autor spricht von einer «Reise zweier Menschen von Irgendwo nach Nirgendwo» - eine knappere Metapher fürs Leben lässt sich kaum finden. Wer legt heute noch eine Single auf, einen Tonträger mit nur einem Song pro Seite? Versuchen Sie es! Der zerkratzte Hit schickt uns auf Zeitreise, weckt Bilder, Stimmungen aus einer Epoche, die längst vergessen schien.
Auch das Projekt «Ausfahrten» birgt viele Optionen. Was verbindet die beiden Protagonisten, was trennt sie, was treibt sie an? Fahren sie zusammen oder alleine? Die Fäden flackern wie Bildstörungen über die Seiten. Fein gewoben ist das Tuch, in das die Geschichte eingeflochten ist. Man denkt an Schicksalsgöttinnen, die ihre Fäden spinnen und rätselt, weshalb das griechische Wort histos = Segel, Gewebe gerade neben dem Wort historia = Recherche, Geschichte steht. Claudia Jolles

Autor/innen
Claudia Jolles

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