Georg Keller - Das Werk eines Arbeiters

Kugelbahn AG, 2007/2008, Installation, Performance, ostschweizerische Frühlings- und Trendmesse OFFA, St.Gallen, 450 x 250 x 300 cm. Foto: Anna-Tina Eberhardt

Kugelbahn AG, 2007/2008, Installation, Performance, ostschweizerische Frühlings- und Trendmesse OFFA, St.Gallen, 450 x 250 x 300 cm. Foto: Anna-Tina Eberhardt

Der Arbeiter in vier gleiche Teile geteilt, 2008, Installation, Performance, Marks Blond, Bern/ Schauspielhaus Zürich im Rahmen von «Shifting Identities», Kunsthaus Zürich, 250 x 400 x 600 cm. Foto/Videostill: Yves Ackermann

Der Arbeiter in vier gleiche Teile geteilt, 2008, Installation, Performance, Marks Blond, Bern/ Schauspielhaus Zürich im Rahmen von «Shifting Identities», Kunsthaus Zürich, 250 x 400 x 600 cm. Foto/Videostill: Yves Ackermann

Fokus

Georg Keller hat es geschafft. Der 1981 geborene Zürcher hat eine florierende Firma auf die Beine gestellt, mit einem Portfolio, wie es sich jeder CEO gerne zusammenkaufen würde. Ableger haben die «Georg Keller Unternehmungen - A Brand like a Friend», kurz GKU, in Banken, Theatern, Freizeitmessen und momentan auch in der Zürcher Perla-Mode. Und wenn Keller ob der aktuellen Krise in Aktionismus verfällt, dann ist dieser rein künstlerischer Natur.

Georg Keller - Das Werk eines Arbeiters

Diese Krise. Alle, von der Grossbank bis zum kleinen Individuum, hat sie auf dem falschen Konto erwischt. Und jetzt prasseln sie auf uns nieder, die Parolen: Gut aufgestellt muss man sein, sich organisieren, Opfer bringen etc. Der Zürcher Künstler Georg Keller hat die Vorkehrungen schon längst getroffen: Sein vorbildlich strukturiertes Werk - die «Georg Keller Unternehmungen - A Brand like a Friend» - hat eigentlich nur auf die Bewährungsprobe einer Krise gewartet.

Der Tag hat nicht nur 8, sondern 24 Stunden
Leidensfähigkeit hat Keller schon 2008 mit der Performance «Der Arbeiter in vier gleiche Teile geteilt» bewiesen, die auch im Rahmen der Übersichtsausstellung «Shifting Identities» im Kunsthaus Zürich zu sehen war. Der Absolvent des Studiengangs Bildende Kunst der ZHdK rackert sich hier während 24 Stunden, also drei herkömmliche Arbeitstage lang, in vier verschiedenen Jobs ab, vom Maurer bis zum Kioskverkäufer. In diese halbe Ewigkeit ist hineinkomprimiert, was für viele Alltag ist: Die Kombination mehrerer Jobs, die erst das hinreichende Patchworkeinkommen garantiert. «Die Ökonomie greift metastasenartig in unser Leben ein. Im Konzept der Heimarbeit etwa, das Firmen die hohen Arbeitsplatzkosten einsparen lässt, löst sich die Grenze zwischen privatem und wirtschaftlichem Raum komplett auf. Auch das Schlagwort der Ich-AG hat schliesslich nur das ökonomische Risiko auf das Individuum abgewälzt», so Keller, eine Ich-AG wie sie sich die Wirtschaft erträumt.
Im Gegensatz zum herkömmlichen viergeteilten Arbeiter oder prekär organisierten Studienabgänger ist Keller aber nicht nur Untertan, sondern auch CEO. In dieser Rolle muss er sein Unternehmen gut aufstellen, wie man so schön sagt. Keller nimmt das durchaus wörtlich: Mit seiner mobilen Bank etwa, die in einem grossen Sicherheitskoffer Platz hat, kann er sich sehr schnell sehr gut aufstellen, im Januar 2009 etwa im Theater Gessnerallee und im März gar bei der Raiffeisen Bank, St.Gallen. «Der «Georg Keller Bank» ist es mit ihrer Kofferstruktur möglich, den Finanzströmen nachzureisen. Sie erhält so einen nomadischen Charakter und ist in dieser Form perfekt aufgestellt im globalen Finanzmarkt», erklärt Keller seine stromlinienförmige Mobilität. Vierzig Kunden hat er schon, eine Lizenz bei der eidgenössischen Bankenkomission wird er auf Anraten der Rechtsabteilung der von der GKB besuchten Bank bald beantragen. Das Geld wird hier nicht in toxische Wertpapiere umgewandelt, sondern sauber in Plastiksäckchen verpackt gelagert und rote Zahlen stehen höchstens auf den roten Zwanzigernötchen. In der letztjährigen Swiss Art Awards-Ausstellung blieb Keller nicht der einzige Kunstkapitalist: Robin Bhattacharya hat mit seinem RobinTM ein Zahlungsmittel geschaffen, das wie eine herkömmliche Währung funktioniert, nur dass der Wechselkurs an den Marktwert des Künstlers gebunden ist; Georg Kellers Bank funktioniert genau wie eine richtige Bank, einfach so schlank und wendig, wie es sich die Bankchefs heute von ihren Instituten wünschen würden.

Sich durch Konsum die Kugel geben

Keller stellt sich aber auch in anderen kunstfernen Gebieten auf: 2007 zum Beispiel hat er an einer St. Galler Trendmesse seine «Kugelbahn AG» aufgebaut. Hier war er wiederum Kundenberater, Produzent und Chef in Personalunion. Wer sich nach einem ausgiebigen Verkaufsgespräch für eine Kugelfarbe entschieden hatte, durfte Keller dabei zusehen, wie er die Kugel noch einmal in derselben Farbe besprühte und dann durch eine Röhre in den Laden runter kullern liess. «Ein Ersatz für ein Produkt», fasst Keller zusammen - Hauptsache der Kauf wird zum Erlebnis: «Shoppingcenter sind eine monumentale theatrale Inszenierung des Konsums». Hier hat er dieses Riesentheater auf eine überschaubare Versuchsanordnung heruntergebrochen.
Die Diversifikation geht sogar mitten in der Krise weiter: Im Mai eröffnen die «Georg Keller Unternehmungen» auch im Wartesaal/Perla-Mode in Zürich eine Filiale. Statt farbiger Kugeln verkauft Keller in der Gruppenausstellung «Vanity Fair - An Experience with Certain Pictures» diesmal Spiegel. «Ich möchte dem Quartier mit seiner Verwandlung zum trendigen, aber zugleich auch teureren und vereinheitlichten Stadtgebiet den Spiegel vorhalten. Der Besucher sieht sich gespiegelt in einer Umgebung, die er sich vielleicht bald nicht mehr leisten kann.» Im Gegensatz zu Alexis Saile, der 2007 während einer Ausstellungsdauer hier gelebt und eine Synergie von Lebens- und Arbeitsraum erreicht hat, vermengt Keller Konsum mit - buchstäblicher und übertragener - Reflektion. Ganz ähnlich war das Anfang 2009 bei Schmuck Inc.: Die beiden Künstler Stefan Ege und Rémi Jaccard haben als Zwischennutzung in einem ehemaligen Zürcher Schmuckatelier ein Kunstvermarktungsunternehmen mit verschiedenen «Departments» lanciert. Während hier das Augenzwinkern auf die Marktmechanismen des Kunstbetriebs gerichtet war, geht es Keller aber um die Vorgänge im grösseren ökonomischen Zusammenhang.

Im Kriechgang die Hierarchie hoch
Es verwundert deshalb nicht, dass es ihn nicht im White Cube hält: Die Black Box Theater etwa ist ein weiteres bevorzugtes Handlungsfeld. Ins Fabriktheater der Roten Fabrik Zürich hat er erst kürzlich eine Pyramide gebaut; klar, dass es bei Keller mit dieser Form nicht um das alte Ägypten geht. Vielmehr hat er mit dem Stück «Das Unternehmen - 8 Stunden 24 Minuten» die gängige Visualisierungsstruktur einer Firma so nachgebaut, dass sich zwei Schauspieler darin bewegen können. «Im Stück wird untersucht, welche Kräfte eine Pyramide zusammenhalten und wo sich neuralgische Druckpunkte bilden, welche die Träger einbrechen lassen könnten. Die Inszenierung ist eine Art Belastungsprobe unseres momentan vorherrschenden ökonomischen Wertesystems», so Keller. Die beiden Protagonisten kriechen in der sich den Gegebenheiten des Marktes anpassenden Pyramide umher und bekommen die Hierarchie körperlich zu spüren.
Wiederum eine grafische Rückübersetzung stellt das ausgeklügelte Organigramm der «Georg Keller Unternehmungen» dar: Vor blau-rosa Hintergrund zeigt es auf, wer hier wem berichtet. Obwohl es von der Anmutung her auch die Speisekarte eines Strandrestaurants sein könnte: Die Behauptung, dass Keller damit - und überhaupt mit seinem Unternehmertum - schlicht die Gepflogenheiten des Kapitalismus ad absurdum führt, griffe zu wenig weit. Das hat eher die Mediengruppe Bitnik getan, als sie für die Arbeit «Our Man in India» einen Inder - Stichwort Outsourcing - prophylaktisch und sich entschuldigend Absagen auf Stelleninserate schreiben liess. Und während es zwar nicht neu ist, dass Künstler über ein Organigramm verfügen - Olafur Eliasson etwa käme nicht ohne aus - ist das Ungewohnte bei Keller, dass es fester Bestandteil, ja Grundlage seines Gesamtwerks ist. Er legt uns aber nicht nur die Organisationsstruktur seiner Firma offen dar. Durch die präzise Verdichtung von Situationen, in die uns die Ökonomie zwingt, macht er auch das strenge Organigramm unseres sogenannt freien Lebens in der heutigen Welt ersichtlich. Und zeigt, wie frei wir wirklich sind: Genau so frei nämlich, wie das «frei» in freie Marktwirtschaft. Daniel Morgenthaler (*1978), freischaffender Kunstjournalist, lebt in Zürich.

«Vanity Fair - An Experience with Certain Pictures», mit Etrit Hasler, Georg Keller, Martina Kremeckova, Tobias Spichtig, Wartesaal, Perla-Mode, Zürich, 8.-24.5.
«Shifting Identities - (Swiss) Art Now», Contemporary Art Centre, Vilnius, bis 24.5.
«Modellhaft», Kunst Raum Riehen, bis 3.5.

Georg Keller (*1981 in Zug) lebt und arbeitet in Zürich
2003-2008 Studium der Bildenden Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)

Einzelausstellungen/Performances
2009 «Das Unternehmen - 8 Stunden 24 Minuten», Rote Fabrik, Zürich; «Die Filiale, Georg Keller Bank (GBK)», Theaterhaus Gessnerallee, Zürich
2008 «Die Kugelbahn AG», OFFA Frühlings- und Trendmesse St. Gallen, Aktion im Rahmen der Aussenaktionen der Kunst Halle Sankt Gallen; «Der Arbeiter in vier gleiche Teile geteilt», Marks Blond, Bern
2007 «Tu mieszkam i Sprzedaje, Solec 115», Warschau, Polen

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2009 «Vanity Fair - An Experience with Certain Pictures», Wartesaal, Perla-Mode, Zürich
2008 «Unter 30, Nr. VI», Kiefer Hablitzel Stiftung, Kunsthaus Langenthal; «Shifting Identities», Kunsthaus Zürich; «Swiss Art Awards», Basel
2007 Förderbeitragsausstellung, Kunsthaus Zug; «Zauberglanz-Franchise», UND#2, Karlsruhe

Institutionen Land Ort
Contemporary Art Centre Litauen Vilnius
Kunst Raum Riehen Schweiz Basel/Riehen
Künstler/innen
Georg Keller
Autor/innen
Daniel Morgenthaler

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