Gert & Uwe Tobias - Eine anachronistische Aktualität

Ohne Titel, 2008, Farbiger Holzschnitt, 210 x 188 cm. Courtesy Team Gallery, New York © ProLitteris, Zürich.?Alle Fotos: Alistair Overbruck, Köln

Ohne Titel, 2008, Farbiger Holzschnitt, 210 x 188 cm. Courtesy Team Gallery, New York © ProLitteris, Zürich.?Alle Fotos: Alistair Overbruck, Köln

Ausstellungsansicht Museum Franz Gertsch, Burgdorf, 2009. © ProLitteris, Zürich

Ausstellungsansicht Museum Franz Gertsch, Burgdorf, 2009. © ProLitteris, Zürich

Fokus

Mit einem Holzschnitt im monumentalen Überformat von zwölf Metern Länge reagieren die Gebrüder Gert & Uwe Tobias auf eine anachronistische Folkloretradition und gleichzeitig auf die aktuellen räumlichen Gegebenheiten im Museum Franz Gertsch. Die derzeitige Ausstellung ermöglicht einen eindrücklichen Einblick in das facettenreiche Schaffen der Brüder, das sich über Holzschnitte, Schreibmaschinenzeichnungen, Aquarelle, Collagen und Skulpturen bis hin zu konzeptuellen Installationen erstreckt.

Gert & Uwe Tobias - Eine anachronistische Aktualität

Die Groteske steht bei den Bildfindungsprozessen des Künstlerduos Gert & Uwe Tobias, die 1985 mit ihren Eltern und ihrer Schwester aus Siebenbürgen in Rumänien nach Deutschland übersiedelten, im Vordergrund. Anders als bei Mike Kellys handgestrickten Bestien und Stofftieren oder Cindy Shermans Dummies sehen wir uns dabei nicht mit einer schauerlichen Form der Groteske konfrontiert. Viel eher spielen die Brüder mit einer Variante des Capriccio, einem traditionsreichen, jedoch in der Gegenwartskunst kaum thematisierten Kunstprinzip. Dieses steht für Variation und Formvielfalt, für ungebundene Fantasie und Anti-Norm, ohne zwangsläufig auf Schockwirkung ausgerichtet zu sein.
Das Hauptaugenmerk der Künstler gilt dem Themenkreis der kulturellen Identität. In der Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft aus Siebenbürgen entwickeln sie ein Kaleidoskop aus folkloristischen Motiven, die sie in grotesken Szenarien vereinen. Der sich daraus ergebende Transfer in eine eigene Bildsprache sowie die Sicht auf historische, geografische und kulturelle Systeme sind Ausgangspunkt für Fragen nach Identität und persönlichen Mythen. «Es geht in unserer Arbeit, gerade im Hinblick auf die Folklore, nicht um nostalgische Rückblicke», erläutern die Brüder und ergänzen: «Die biografischen Aspekte bleiben nie im Subjektiven haften, sondern verlieren sich in Verallgemeinerungen. Wir sprechen immer von Phänomenen, entfernen uns von den traditionellen Vorstellungen und wandeln die Dinge so ab, dass sie sich in den jeweiligen Werkkomplexen auflösen.»

Ein anachronistisches Medium?
Im Gesamtwerk der Zwillingsbrüder nimmt der Holzschnitt einen besonderen Stellenwert ein, was sich nicht zuletzt durch die vermeintlich anachronistische Wahl der Technik und die Übertragung in ausserordentlich grosse Formate erklären lässt. Die Veränderung gegenüber dem traditionellen Holzschnitt zeigt sich bei der Erstellung der Druckstöcke, bei der eine neuartige Säge zum Einsatz kommt. Es handelt sich um eine Art Dekupiersäge mit einer speziellen Keramikführung für das Sägeblatt, wodurch die Schnitte sehr genau ausgeführt werden können - für grossformatige Kompositionen ein enormer Vorteil. Gert & Uwe Tobias betrachten den geschnittenen Druckstock als Rohling, der dazu dient, das Bild als das eigentliche Kunstwerk zu gestalten. Während viele Künstler nach der Herstellung des Druckstocks die Produktion der Grafik einem Drucker überlassen, ist für sie das Drucken und die Überarbeitung der daraus resultierenden Ergebnisse ein wesentlicher Bestandteil der künstlerischen Tätigkeit.
Farbliche Aussparungen und «ungenaue» Linienführung sind dabei bewusst kalkuliert. In den wenigsten Fällen wird eine Vervielfältigung im Sinne einer Grafikauf­lage angestrebt. Da sie mit verschiedenen Farben, Teil- bzw. Mehrfachdrucken und bei verschiedenen Druckstöcken mit einer veränderten Druckreihenfolge experimentieren, resultieren daraus praktisch nur Unikate.

Groteske und Ornament
In der neuen Werkgruppe «Die Mappe» haben die Tobias-Brüder über sechzehn Holzschnitte im Format von je 200 x 168 cm ein geometrisches Raster gezogen. Dieses basiert auf einer alten, aus Siebenbürgen stammenden Stickereimappe. Der Motivfundus dieser Holzschnittreihe schöpft - wie immer - auch aus dem Bildvokabular bereits bestehender Werke. Sie werden im grössten Ausstellungsraum des Hauses präsentiert und nehmen Bezug auf die streng gegliederte Museumsarchitektur und die symmetrisch strukturierte Oberlicht-Decke. Gleichzeitig finden sich Wortfragmente beziehungsweise einzelne Buchstaben aus den kleinformatigen Schreibmaschinenzeichnungen in den gross angelegten Rastern wieder. Daneben stossen wir auf folkloristische, fratzenhafte Maskeraden, die vereinzelt an die Bedeutung des Karnevalesken und die ritualisierten Inszenierungen bei James Ensor erinnern. Zahlreiche verschiedene ornamentale Elemente ergänzen die Szenarien und verweisen indirekt auf die ursprüngliche Zuordnung des Grotesken zum Ornament.
Diese lässt sich auf Raffael und seine Schüler zurückführen, die bei der Ausmalung der Loggien des Vatikans im frühen 16. Jahrhundert ein einheitliches Dekora­tions­system entwarfen, das anschliessend in ganz Europa Verbreitung finden sollte. Erst die Moderne führte diese Tradition ad absurdum. Wassily Kandinsky, Henri Matisse und andere lösten das Ornament endgültig aus seinem ursprünglichen, rein ergänzenden Bildzusammenhang und verliehen ihm eine eigenständige bildkompositorische Qualität.

Einleuchtende Synthesen
Auf dessen autonomen Wert pochen auch die Brüder Tobias. Die Geometrie des Ornamentalen wird in ihren Arbeiten stets gebrochen, sei es durch farbliche Aussparungen oder durch formale Unregelmässigkeiten. Nur bei raumgreifenden Installationen werden die geometrischen Gesetzmässigkeiten berücksichtigt; nicht im einzelnen Werk, aber in deren Anordnungen und in der farblichen Gestaltung des Raumes. So wurde - wie im Museum Franz Gertsch in Burgdorf - auch in der Ausstellung «Zurück Nach Vorwärts» im project space der Kunsthalle Wien die Architektur ins Arrangement miteinbezogen. Die zehn Segmente des Gebäudes sind integraler Bestandteil der Installation, ebenso wie die grossformatigen Holzschnitte, dieses Mal mit Baum-Motiven, deren Astwerk mit konstruktivistischen und typographischen Elementen kombiniert ist.
Dem klassischen Holzschnitt, der zu Zeiten Albrecht Dürers florierte und der mit den Expressionisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Blütezeit erlebte, verleihen Gert & Uwe Tobias eine zeitgenössische Prägnanz. Die monumentale Grösse hinterfragt ironisch tradierte und modistische Vorstellungen - jede mit dem Medium verbundene Illusion verpufft. «Der Charakter unserer jetzigen Holzschnitte hat sich durch stetes Ausprobieren ergeben und ist nicht Resultat eines kalkulierten Unterfangens», betonen die Künstler. «Wir waren überrascht, was für ein Potential in diesem Medium steckt und merkten, dass wir uns von seinem traditionellen, expressiven Charakter befreien konnten.» Das Künstlerduo reanimiert aber nicht nur ein vermeintlich anachronistisches Bildverfahren, sondern bedient sich gleichzeitig intensiv aus dem gleichermassen anachronistischen Bildrepertoire der Folklore. Im Verbund mit Stilanleihen und Attitüden aus dem Brauchtum und der klassischen Moderne verschmelzen groteske Bilderfindungen zu einer luziden Synthese - einer höchst zeitgenössischen Form des Kunstprinzips Capriccio.

Oliver Zybok, Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler, lehrt Kunsttheorie an der HBK Braunschweig, arbeitet als Kurator und Autor.

Bis 
27.08.2009

«Gert & Uwe Tobias. Zurück Nach Vorwärts Zu», Kunsthalle Wien, bis 28.6.

Gert & Uwe Tobias (*1973, Brasov) leben in Köln
1996-1998 Akademie der Bildenden Künste Mainz
1998-2002 Hochschule für Bildende Künste Braunschweig

Einzelausstellungen (Auswahl)
2004 «Come and see before the tourists will do - The Mystery of Transylvania», Galerie Michael Janssen, Köln
2006 «Hammer Projects», UCLA Hammer Museum of Art, Los Angeles
2007 «projects 86», Museum of Modern Art, New York
2008 Tomio Koyama Gallery, Tokyo; Kunstmuseum Bonn
2009 «Zurück Nach Vorwärts Zu», Kunsthalle Wien; Museum Franz Gertsch, Burgdorf

Künstler/innen
Gert Tobias
Uwe Tobias
Autor/innen
Oliver Zybok

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