Pierre Vadi, «Scalps & Christian Dupraz»

Pierre Vadi · Auto-bronzant, 2008; L'argent (air-capacités pulmonaires moyennes, féminine et mascu­line), 1999-2001; Zéropolis, 2008, Mixed Media.?Foto: Ilmari Kalkkinen

Pierre Vadi · Auto-bronzant, 2008; L'argent (air-capacités pulmonaires moyennes, féminine et mascu­line), 1999-2001; Zéropolis, 2008, Mixed Media.?Foto: Ilmari Kalkkinen

Pierre Vadi · Wo Es war, soll Ich werden, 2008, Bloc (D), mit Christian Dupraz, 2009, Mixed Media.? Foto: Ilmari Kalkkinen

Pierre Vadi · Wo Es war, soll Ich werden, 2008, Bloc (D), mit Christian Dupraz, 2009, Mixed Media.? Foto: Ilmari Kalkkinen

Besprechung

Wie aus einem Guss präsentiert sich die Ausstellung von Pierre Vadi (*1966) in den sieben Sälen der vierten Etage des Mamco. Der gelungene Dialog zwischen Kunst und ihrer baulichen Umgebung ist das Resultat einer vorbildlichen Zusammenarbeit des Künstlers mit dem Genfer Architekten Christian Dupraz.

Pierre Vadi, «Scalps & Christian Dupraz»

Im ersten Raum, dem einzigen, in welchen durch ein Fenster etwas Tageslicht hereinfällt, ahnen wir noch nicht, was uns erwartet. Am Boden grosse gebrochene, gegossene Schrauben samt Muttern; etwas Unvollendetes, gar Misslungenes oder vielleicht nur ein Hinweis darauf, dass hier kürzlich umgebaut wurde. Denn im zweiten Saal kippt ein Teil der Decke schräg hinunter. Sie ist in einem satten Rotbraun gestrichen wie alle Wände. Zwei kleine Mauern aus Beton trennen ein Paar seltsamer, gekneteter Fabelwesen, halb Affe, halb Schwein. Dann betreten wir einen dunklen, Katakomben ähnlichen Gang, in welchem sich in spärlich beleuchteten Schächten eingerollte Schlangen eingenistet haben, Pythons und giftige Vipern, schlafend lauernd. Dass nebenan ein schwarzes, wie Schlangenhaut glänzendes Gewand am Boden liegt und ein kleines, phallisch umgedeutetes Modell des Potsdamer Einsteinturms von Erich Mendelsohn steht, vermag die unterschwellige Beklemmung nicht zu beruhigen. Erst beim Betrachten einer weiss-blau schimmernden Berglandschaft aus Zucker scheint die Gefahr gebannt zu sein. Doch auch diese spielerisch leichte Installation mit durchsichtigen Glaskugeln hat ihre Tücken: Schmilzt der Zucker bei grosser Hitze wie die Gletscher an den Polen unseres Planeten? Wieder verliert sich der Besucher in der Dunkelheit, um unvermittelt nahe unter einem nächtlichen Himmel mit Sternen aus falschen strahlenden Diamanten zu stehen. Ein Blick in die Unendlichkeit und gleichzeitig eine stille, plastisch-bildliche Erfahrung, bevor man erneut ins Licht ausgespuckt wird, wo glänzende Chromstangen, vom Plafond hängende Ketten aus Kunstharz und dicke geknotete Silikon-Seile ganz andere Fantasien wecken.
Pierre Vadis retrospektiver, aber in keiner Weise chronologischer Rundgang ist sparsam mit Werken aus den letzten 14 Jahren ausgestattet und reüssiert im Gleichgewicht zwischen dem skulpturalen Raum und den ausgestellten Objekten. Es bleibt jedem einzelnen Werk viel Platz, um seine manchmal rätselhafte Wirkung auszubreiten. Im Unterbewusstsein Schlummerndes - Ängste, Sexualität - verharrt in Andeutungen und wird nie plakativ zur Schau gestellt. Eine gewisse Desorientierung ist gewollt und wird durch die Präzision der atmosphärisch dichten Inszenierung immer wieder aufgefangen.

Bis 
23.05.2009
Autor/innen
Marguerite Menz
Künstler/innen
Pierre Vadi

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