Tracey Emin, «20 Years»

Tracey Emin · It's Not the Way I Want to Die, 2005, Metall, rezykliert, Bauholz, 310 x 860 x 405 cm. Courtesy Jay Jopling, White Cube © ProLitteris, Zürich

Tracey Emin · It's Not the Way I Want to Die, 2005, Metall, rezykliert, Bauholz, 310 x 860 x 405 cm. Courtesy Jay Jopling, White Cube © ProLitteris, Zürich

Besprechung

Nicht nur in England wird Tracey Emin verehrt wie ein Popstar. Die sehr offene und direkte Verarbeitung ihrer Eskapaden und Abstürze machte sie berühmt. Eine erste Retrospektive zeigt Emin als Selbstdarstellerin, die auch zartere Zwischentöne souverän beherrscht.

Tracey Emin, «20 Years»

Sie schwankt auf dünnen Holzbeinen, der Schienenstrang ist lückenhaft. Die Achterbahn-Installation «It's not the Way I Want to Die», 2005, ist eng verknüpft mit der Biografie von Tracey Emin (*1963). Sie verweist auf die Holzachterbahn im englischen Küstenort Margate, in dem Emin aufwuchs, und auf die Risikotouren in ihrem Leben: Sex, Alkohol, zahlreiche Abstürze, zwei Abtreibungen. Mit 13 verlässt sie die Schule ohne Abschluss. Später studiert sie am Royal College of Art in London. Mit der Erfolgswelle der Young British Artists gelangt sie 1998 zu internationaler Anerkennung. Heute geniesst sie Ehrendoktorwürden wie auch Popstar-Ruhm. Kunst habe ihr Leben gerettet, sagt Tracey Emin, die den wilden Teil dieses Lebens künstlerisch auswertet. Berühmt wurde ihre Installation «My Bed», 1998, mit der sie für den Turner Prize nominiert wurde. «My Bed» ist das Bett der Künstlerin, in dem sie ein von Depressionen unterbrochenes Sex- und Saufgelage durchlebt hat. Jetzt ist es, inklusive gebrauchter Kondome und diverser Flecken, Museumsobjekt. In Bern steht es Wand an Wand mit der Achterbahn. Hier wie dort liegen Lust und Schmerz, Leben und Sterben nahe beieinander.
Die Retrospektive «Tracey Emin 20 Years», die von der Scottish National Gallery of Modern Art in Edinburgh eingerichtet und von Kathleen Bühler ins Kunstmuseum Bern geholt wurde, zeigt Emin als radikale und schonungslose Selbsterkunderin. Steppdecken bestickt sie mit Memorabilien, aber auch mit wüsten Selbstanklagen. Mittlerweile werden diese Decken für sechsstellige Pfundbeträge gehandelt. Preislich spielt Emin damit in der gleichen Liga wie etwa Damien Hirst. Zu Recht ist sie stolz darauf - der Kunstmarkt ist noch immer Männerdomäne. Und Tracey Emin feiert ihre Erfolge, obwohl sie von Frauenthemen, von Abtreibungen, weiblicher Einsamkeit spricht. Sie bedient und karikiert tradierte Rollenmuster, indem sie sich als mädchenhafte Schlampe zeigt, die immer zu viel will und nie genug bekommt. Zarte Töne schlägt sie in «The Perfect Place To Grow», 2001, an, einem Gartenhäuschen, in dem ein Video läuft. Emins Vater ist zu sehen, der seiner illegitimen Tochter eine Blume überreicht. Wie Kunst und Leben sich bei Emin durchdringen, zeigt die Nachbildung ihrer ersten Einzelschau von 1993. Zu sehen sind unter anderem Fotos von an Munch und den Expressionisten orientierten Frühwerken, die Emin nach einer traumatischen Abtreibung 1990 zerstört hat.

Bis 
20.06.2009

Katalog e: «Tracey Emin. 20 Years». Edinburgh 2008; lesenswertes Begleitheft in Zeitschriftenformat: «Tracey Emin. Magazin». Kunstmuseum Bern 2009

Künstler/innen
Tracey Emin
Autor/innen
Alice Henkes

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