Ulla von Brandenburg, «Name or Number»

Ulla von Brandenburg · Name or Number, 2007, Installation und 16-mm-Film. Courtesy Produzentengalerie Hamburg; Pilar Corrias Ltd London; Galerie art: concept Paris.?Foto: Martin Argyroglo

Ulla von Brandenburg · Name or Number, 2007, Installation und 16-mm-Film. Courtesy Produzentengalerie Hamburg; Pilar Corrias Ltd London; Galerie art: concept Paris.?Foto: Martin Argyroglo

Besprechung

Wie determinieren Rahmenbedingungen, welche Handlungsspielräume bleiben? Im Kunstzentrum Le Plateau ist die Antwort barock: Ellipsen führen zwischen Real- und Bildwelten hin und her. Ein «tableau vivant», in das eingewoben der Betrachter versteht: Im schrägen Kreisgang handelt frei, wer Rahmen verschiebt.

Ulla von Brandenburg, «Name or Number»

Die Wand ist schwarz. Wir warten. Dann löst sich ein Rücken, gibt den Blick frei in ein aufgeräumtes Interieur. Ein Rundgang beginnt. Der Film «Singspiel», 2009, mit der Musik der Künstlerin, führt durch Le Corbusiers «Villa Savoie», das Leben einer Familie, die Stimmungen sie eingrenzender Räume - und durch Bilder einer Ausstellung. Wir sehen im Film die Hocker, auf denen wir sitzen und den Spazierstock, der auch in «Le Plateau» an der Wand lehnt, mit gemaltem Schatten. Ulla von Brandenburg verwandelt das Kunstzentrum im Pariser Nordosten in ein Theater. Ein erweitertes «tableau vivant», in dem auch der Betrachter seine Rolle spielt. Prolog vor dem Theater: Ein Herrenanzug, aufgehängt wie die Haut des Marsyas. Proszenium: Ein mit orange-schwarzen Rauten bedruckter Vorhang. Danach: Ein Drama um Handlungsmöglichkeiten im unendlichen «Rapport» zwischen Bild und Realität. Sie wolle, sagt die 35-jährige Wahlpariserin aus Hamburg, «einen Schwebezustand der Bedeutung» erzeugen, «ein offenes Gewebe, das sich immer weiter ausdehnt» und «Settings, in denen man sich bewegen kann, in denen wir nicht vereinsamen vor dem Bild, sondern aktiviert werden». Das gelingt ihr elliptisch-barock: durch ovale Rotations-Formen. Das portugiesische «barocco» bezeichnet «schiefrunde» Perlen. Im 16-mm-Film «Around», 2005, dreht sich eine Gruppe Personen mit der Kamera im Kreis, ihr immer den Rücken kehrend. Von Brandenburg gewinnt neue Handlungsoptionen aus dem schrägen Kreis, der Andeutung, welche die Fantasie in andere imaginäre Räume führt. Wie die Bewegung der Kamera in «8», 2007. «Sie vollzieht eine liegende Acht, Zeichen für Unendlichkeit», erklärt die Künstlerin.
«In girum imus nocte et consumimur igni» - in diesem Palindrom sah Guy Debord 1978 unsere «unvermeidliche und unerbittliche Gegenwart»: Wir gehen im Kreis bei Nacht, verzehrt vom Feuer. Es ist der Kreisgang zwischen Bild und Handlung, den Ulla von Brandenburg aufzeichnet, unterbrochen vom ironischen Blick auf das Publikum, das wir uns selbst dabei sind. Vor dem letzten Raum der Ausstellung hat sie es als orange Silhouette auf die Wand gemalt. Orange, Farbe der Freiheit wie der Eitelkeit, der «vanitas», jenem anderen barocken Leitmotiv von «name or number». «Verkleidet in den Traum/Hält es sich aus im Raum» klingt das Singspiel von nebenan. Wir gelangen durch die zugige Villa der Moderne nach draussen, vor eine kleine Bühne. Personen handeln, singen. Der Vorhang fällt. Wir warten.

Bis 
16.05.2009

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