Bürgerliches Engagement für Kunst — Geben, ohne zu nehmen?

Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund, Zürich

Guillaume Houzé, Vorsitzender Lafayette Anticipations – Fondation d’entreprise Galeries Lafayette, Paris

Catia Riccaboni, verantwortlich für das Kultur-Programm der Fondation de France, Paris 

 

Nina Zimmer, Direktorin Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee, Bern

Fokus

Mäzene und Gönnerinnen, Sammler und Sponsorinnen, Vereine und Genossenschaften – die Geschichte der Kunst ist die ihrer Förderung. Spätestens seit Mitte des 18. Jh. gibt es Ausstellungskünstler/innen, wird deren Bindung problematisiert. Kritiker sprechen von «Kunstdomestizierung» zur Imagepflege. Vier gewichtige Akteur/innen ergreifen das Wort.

Bürgerliches Engagement für Kunst — Geben, ohne zu nehmen?

Bürgerliches Engagement für Kunst wurde als Instrument sozialer und politischer Emanzipation mit der Industrialisierung institutionalisiert. Kunstmuseen und -hallen entstanden aus dem Grundstock privater Sammlungen. Um Kunst schon im Werden zu unterstützen, investierten Kunstliebhaber/innen in nachhaltige Strukturen: 1806 wurde der Schweizer Kunstverein in seiner Urform gegründet, der älteste deutsche Kunstverein, die Albrecht-Dürer-Gesellschaft in Nürnberg, entstand bereits 1792. Heute bilden diese historischen Institutionen zivilgesellschaftlichen Engagements nur einen Teil eines umfangreichen Fördernetzes, das lokal, regional, national und global Kreative unterstützt. Wie weit das geht und ob Gaben ohne Gewinnerwartung möglich sind, muss immer wieder neu verhandelt werden.

Aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums des Kunstbulletins, das sich auch einem privaten Engagement verdankt, haben wir vier Akteur/innen aus der Schweiz und Frankreich eingeladen, sich zu ihrer Sicht auf die Kunstförderung zu äussern. Interessant ist der unterschiedliche Umgang beider Länder mit den Händen, die für Kunst geben. In der Schweiz, mit geschätzten CHF 320 Millionen Kunstförderung pro Jahr, gehören Unternehmen zum festen Bestandteil bürgerlicher Kunststrukturierung. Dem föderalen Staat obliegt die Aufgabe der Grundlagenbildung, deren Ausgestaltung, nach dem Prinzip der Subsidiarität, seinen Bürger/innen. In Frankreich, das speziell in -Paris in den letzten zehn Jahren einen Boom privat finanzierter Kunsthäuser erlebt hat, misstraut man, auch historisch bedingt, dem Mäzentatentum als Machtinstrument. Der Staat bildet nicht nur die Basis, er soll Kunst als nationales Gut hegen, pflegen und zu deren internationaler Verbreitung beitragen. 

Vier Protagonist/innen kommen zu Wort
Hier im Heft präsentieren vier Vertreter/innen aktueller Kunstförderung ihre Vision. Sie antworten auf konkrete Fragen zur Aktion und Tragweite ihrer Unternehmen und positionieren sich hinsichtlich der kulturellen Bedeutung ihres Engagements.

 

Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund, Zürich

Migros-Kulturprozent Schweiz
Gründung: 1957.
Prinzip: Freiwillige prozentuale Abgabe vom Migros-Genossenschafts-Bund und den zehn Migros 
Genossenschaften in der ganzen Schweiz, an Umsatz, nicht an Gewinn geknüpft.
Reichweite: Schweiz. Mehr als CHF 4,6 Milliarden wurden seit Gründung investiert. 
Zielsetzung: Das Migros-Kulturprozent ist dem Anspruch verpflichtet, der Bevölkerung einen breiten Zugang zu Kultur und Bildung zu verschaffen, ihr die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft zu ermöglichen und die Menschen zu befähigen, an den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen zu partizipieren. 

«Gottlieb Duttweiler richtete das Migros-Kulturprozent mit dem Ziel ein, der Schweizer Bevölkerung etwas zurückzugeben. ‹Dutti› war in dieser Hinsicht absolut altruistisch. Heute fliessen pro Jahr rund CHF 120 Millionen in Kultur, Soziales, Bildung und Freizeit. Das Kulturprozent verfügt inhaltlich über eine ­gros­se Freiheit. Unsere Mitarbeitenden sind Fachspezialist/innen in unterschied­lichen künstlerischen Disziplinen. Dies ermöglicht uns, eigene Projekte zu ini­tiieren, die den aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen Rechnung tragen. Als privater Kulturförderer haben wir die Chance, auch Risiken einzugehen, bspw. bei Projekten, die noch nicht mehrheitsfähig sind. Wir verstehen uns durch­aus in der Rolle des ‹Drivers› und ‹Befähigers›, wenn es darum geht, aktuelle Themen der Kulturindustrie und Kulturwirtschaft zu reflektieren. Mit dem Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich führen wir ein Haus für internationale Kunst mit Fokus auf der Produktion von Kunstwerken. Wir unterstützen mit Förder­­bei­trägen alternative Kunsträume, in denen Gemeinschaftsmodelle erprobt werden. In unserer Künstlerresidenz Arc in Romainmôtier stellen wir Kunst­schaffenden Zeit und Raum zur Verfügung, an gemeinsamen Projekten zu arbeiten. Die Formate ‹walk and talk› ergänzen dort thematische oder individuell zusammen­gestellte Residenzen.»

 

Guillaume Houzé, Vorsitzender Lafayette Anticipations – Fondation d’entreprise Galeries Lafayette, Paris

Lafayette Anticipations – Fondation d’entreprise Galeries Lafayette, Paris
Gründung: 2013.
Prinzip:  Infrastrukturelles Engagement für Kunst, seit März 2018 mit eigenem Haus im Marais.
Reichweite:  Frankreich. Eigene Sammlung über den Schenkungsfonds der Familie Moulin, Förderung der französischen Kunst- und Galerienszene.
Zielsetzung: Ausstellungen, die durch Bereitstellung von Know-how, Werkzeugen, Materialien und Werkstätten von Künstlern vor Ort realisiert werden. 

«Seit über 120 Jahren verfolgen die Galeries Lafayette das Motto: einzigartiges Zusammentreffen von Gestaltung und Vermarktung – für alle. Durch Kunstwerke schärfen wir unser Urteilsvermögen, verändern nachhaltig unseren Blick für die Welt und unser Leben. Indem wir die Künstler/innen bei ihrer Arbeit begleiten, definieren wir Identität, Engagement und Verantwortung unserer Unternehmensstiftung. Mitten in der Stadt und im urbanen Leben verankert, stellt Lafayette Anticipations einen gemeinschaftlichen Lebensraum dar, in dem Künstler/innen und Bürger/innen an der Veränderung von Formen und Ideen gemeinsam wirken. Modemacher/innen, Designer/innen, bildende und darstellende Künstler/innen stellen hier ihr Denken dem eines breiten Publikums zur Seite. So will unsere Stiftung den Blick für die Gegenwart schärfen, ganz in der Dynamik einer Moderne, für die auch die grossen Geschäfte der Galeries Lafayette stehen. Wir kennen unsere Zukunft nicht – aber ich denke, eine gemeinsame Anstrengung für künstlerisches Schaffen könnte aufs Beste zu ihrer Erfindung beitragen.» 

 

Catia Riccaboni, verantwortlich für das Kultur-Programm der Fondation de France, Paris 

Fondation de France, Paris
Gründung: 1969.
Prinzip: Förder- und Stiftungs-Hub, vermittelt zwischen öffentlichem Interesse und privater Initiative.
Reichweite: Frankreich, Belgien, Italien, Deutschland, Schweiz.
Zielsetzung: Die «Nouveaux commanditaires» führen Künstler/innen, Bürger/innen und Kurator/innen zur Vermittlung und Finanzierung zusammen, realisieren Projekte dort, wo wenig Kunst hinkommt. 

«Überzeugt davon, dass Kunst ein Forschungsfeld ist, in dem die Gesellschaft neue Formen eines Weltbezugs erfindet, verwirklicht die Fondation de France seit zwanzig Jahren eine zutiefst demokratische, politische Ökonomie der Kunst: die Nouveaux commanditaires. Geht eine Anfrage ein, suchen wir mithilfe eigens geschulter Vermittler/innen passende Künstler/innen und Finanzmittel, um das Projekt zu realisieren. Die produzierten Werke gehören nicht der Stiftung, sondern den Auftraggeber/innen. Kunstförderung erzeugt Gemeinwohl und Gemein­gut, wenn die Zivilgesellschaft eigenständig wirken kann. In diesem Sinne erweitern wir das Feld der Kunst, indem wir den Anliegen der Zivilgesellschaft Raum geben. Das Besondere der Nouveaux commanditaires ist der konkrete Versuch, das Kunstwerk ausserhalb einer heute vorherrschenden Kunstmarktlogik als Vektor gesellschaftlichen Austauschs zu denken, in dem verschiedene Teilnehmer/innen gleichberechtigt agieren.»

 

Nina Zimmer, Direktorin Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee, Bern

Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee, Bern
Gründung: 1879 bzw. 2005
Prinzip: Synergetische Zusammenführung vom Kunstmuseum Bern und dem vom Ehepaar 
Maurice E. und Martha Müller sowie den Erben des Künstlers gegründeten vorgängig privaten Zentrum Paul Klee
Reichweite: Schweiz. 380’000 Besuchende kamen 2016 in beide Häuser, CHF 400’000 wurden durch die Zusammenführung eingespart.
Zielsetzung: Sammlung, Konservierung, Erforschung und Vermittlung von Kunst – seit 2016 auch der Sammlung Gurlitt – sowie Erforschung und Vermittlung von Person, Leben und Werk Paul Klees.

«Verlässliche, kontinuierliche Partnerschaft mit unseren Förderern ist heute für mich als Direktorin eines doppelten Hauses mit öffentlich/privater Förderung das Wichtigste. Dabei müssen sich Egoismus und Altruismus gar nicht widersprechen. Allerdings müssen Unternehmenspartnerschaften in einem anderen Rahmen gedacht werden als Mäzenatentum. Kunstförderung kann Gemeinsinn stiften, wenn sie ermöglicht, dass Kunst gesellschaftliche Themen auf den Punkt bringt. Dann kann sie eine grosse Kraft entfalten für unser Gemeinwesen, von dem Kunstförderung idealerweise ein Teil sein sollte. Auch wenn Kreativwirtschaft, ­Kul­turindustrie und Kunstpolitik heute kritisiert werden, ist doch die Nähe und die Beteiligung von Kunst an vielen Lebensbereichen das Ergebnis erfolgreicher Vermittlungsarbeit der Generationen vor uns und damit erst mal etwas sehr 
Positives. Gute Kunst lebt von ihrer Widerständigkeit und wird sich einer platten Vereinnahmung immer zu entziehen wissen. Allerdings macht die starke Pro­­jekt­orientierung von vielen Fördergefässen es zunehmend schwer, die Grundlagen ­unserer Arbeit zu finanzieren. Dieser Trend wird noch zunehmen. Uns muss deshalb daran gelegen sein, unsere langjährigen Partner mit in die Zukunft unserer Institutionen zu führen und eine gute Balance aus Partnerschaften und Projektförderung zu erreichen.»

 

Roundtable-Diskussion
Als Fortsetzung der Statements hier im Heft findet Ende Mai im Pariser Centre culturel suisse eine Roundtable-Diskussion statt. Dort wird Hedy Graber als Leiterin der Abteilung Kultur und Soziales die Vision des Schweizer Unternehmens hinsichtlich des Förderprogramms Migros-Kulturprozent vorstellen. Zum Vergleich entwickelt François Quintin, Direktor des neuen Kunstproduktionshauses «Lafayette Anticipations», den Einsatz des Kaufhauskonzerns Galeries Lafayette für die Kunst. Olivier Kaeser, Präsident der 1991 gegründeten Fondation Nestlé pour l’Art, wird eine andere Schweizer Sicht zur Unternehmensförderung darlegen. Ihr stehen Ansatz und Wirkweise der Fondation de France gegenüber, repräsentiert durch Catia Riccaboni, verantwortlich für deren Kulturprogramm. An der Schnittstelle von Öffentlich und Privat wird Nina Zimmer Erfahrungen beisteuern können, die ihre Leitungsfunktion unter der Dachstiftung Kunstmuseum Bern – Zentrum Paul Klee und zugleich Zentrum Paul Klee – Marice E. and Martha Müller Foundation wahrnimmt.

Dieses Gespräch wird in einer Stadt veranstaltet, die gerade in diesem Jahr von einschneidenden Veränderungen in der privaten Kunstlandschaft geprägt ist: Im Oktober schliesst die 2004 von dem ehemaligen Galeristen und Kunstsammler Antoine de Galbert eröffnete Maison Rouge. Etwa zum gleichen Zeitpunkt soll der neue Ausstellungsort des Sammlers und Multimilliardärs François Pinault in der ehemaligen Börse eröffnen, die gerade umgebaut wird. Reaktion auf Erzfeind Bernard Arnault, der mit LVMH-Stiftung nebst ikonischem Gebäude im Parc d’Acclimatation das Terrain bereitet hat? Wo private Investor/innen agieren sind auch subjektive Motive im Spiel. Ganz so, wie in der Kunst.

Engagement privé pour l’art – Suisse et France, Table ronde, Centre culturel suisse, Paris, 29.5., 20 Uhr

Werbung