Das Grosse Rätsel

Indore, Gandhi Hall, Donnerstag, 5. Januar 2017, 16.53 Uhr Foto: Samuel Herzog
 

Indore, Gandhi Hall, Donnerstag, 5. Januar 2017, 16.53 Uhr Foto: Samuel Herzog

 

Kunstgeschichten

Das Grosse Rätsel

Eine grausame Geschichte

 

Da ist er wieder, dieser Gesichtsausdruck, diese Mischung aus Freude und Stolz. Dabei ist das kleine Karussell, das auf dem Platz vor der Gandhi Hall im Zentrum von Indore steht, wohl kaum geeignet, einen Geschwindigkeitsrausch zu provozieren. Solche -Karussells sieht man in Indien vor allem an Orten, wo sich die Familien zum Spaziergang treffen. Immer sind es nur Knaben, die von ihren stolzen Vätern auf die Plattform gehoben werden. Und allen hat ihr Herz ebenjenen Ausdruck ins Gesicht geschrieben, den ich auch von einem Foto her kenne, das einen vielleicht zehnjährigen Knaben zeigt, der zwei grosse Flaschen mit Rotwein durch die ... trägt – zufrieden und stolz, etwas zu tun, das in der Welt der Erwachsenen Bedeutung hat. Im Unterschied zu dem Jungen, den ... 1954 aufgenommen hat, sehe ich in den Gesichtern der indischen Karussellfahrer aber immer auch einen grausamen, geradezu monströsen Zug. Unterdessen verstehe ich vielleicht, was er bedeutet. Kinder müssen den rücksichtslosen Verkehr auf Indiens Strassen in besonderer Weise als Bedrohung empfinden. Die Autos müssen ihnen wie die Waffen der erwachsenen Männer vorkommen, die damit über Takt und Tod bestimmen. Wenn sie dann zum ersten Mal selbst am Steuer eines Wagens sitzen, und sei es nur ein Plastikauto auf einem harmlosen Karussell, dann dürften sie von einem Machtgefühl erfasst werden, das ihrer kindlichen Freude ebenjenen leicht monströsen Zug verleiht. Es ist folglich eine grausame Geschichte, die auf der leise quietschenden Plattform ihren Anfang nimmt.

Auflösung: Gesucht wurde der Fotograf und Künstler Henri Cartier-Bresson.

Wo im Heft findet sich das im Text unkenntlich gemachte Kunstwerk? Mailen Sie uns bis zum 20.5. die Seitenzahl. Die ersten drei richtigen Antworten gewinnen den grossen Preis: raetsel@kunstbulletin.ch

 
Autor/innen
Samuel Herzog

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