Eric Philippoz — Le Carnotzet

Eric Philippoz · Sans titre (Jean Genet au carnotzet), 2017, (Gesamtansicht und Detail), Bleistift auf Papier, 138 x 196 cm
 

Eric Philippoz · Sans titre (Jean Genet au carnotzet), 2017, (Gesamtansicht und Detail), Bleistift auf Papier, 138 x 196 cm

 

Eric Philippoz · Sans titre (Jean Genet au carnotzet), 2017, (Gesamtansicht und Detail), Bleistift auf Papier, 138 x 196 cm
 

Eric Philippoz · Sans titre (Jean Genet au carnotzet), 2017, (Gesamtansicht und Detail), Bleistift auf Papier, 138 x 196 cm

 

Besprechung

Was ist ein Carnotzet? In der Westschweiz ist das ein kleines, privates Kellerlokal, in dem (meist) Männer frischen Wein trinken und politisieren. In der Schau des Manor-Preisträgers Eric Philippoz ist es der Ort einer künstlerischen Reflexion zu den Themen kulturelles Erbe, Trinkgebräuche und Homoerotik. 

Eric Philippoz — Le Carnotzet

Sitten — Das Carnotzet dient immer wieder als Trinkraum an Gewerbeausstellungen – erstmals 1894 an der Kantonsausstellung in Yverdon – oder in parlamentarischen Gebäuden, bspw. bis 2017 im Rathaus von Lausanne: Dennoch, was ein Carnotzet ist, kann man erst beschreiben, wenn man in eines eingeladen wird. Der Walliser Künstler Eric Philippoz (*1985) hat nun im Kunstmuseum Sitten anlässlich seiner Ausstellung zum Manor-Preis im oberen Stock ein Carnotzet eingebaut und bricht gleich viele Regeln, die sich darum ranken. Sein Carnotzet ist keine Schenke, es ist für alle zugänglich und nicht nur auf private Einladung, das politische Gespräch sieht sich ersetzt durch Karaoke-Singen und … es gibt darin keinen Wein zu trinken, sondern Tee, der jeden Tag neu zubereitet wird. Das Carnotzet von Philippoz erzählt gleichwohl eine Geschichte, die viel mit seinem künstlerischen Werk und Werden zu tun hat. Es ist eingerichtet mit eigenen Zeichnungen, Fotos und Videos, aber auch mit privaten Gegenständen wie einem Tisch mit Stühlen, mit Bildern aus Familienbesitz und mit visuellen Zeichen aus der homoerotischen Kultur des griechischen Symposions und der Schwulenkultur. So blickt uns Jean Genet aus einer grossen Zeichnung an, verschlungen in einer Trinkrunde von drei Männern. Auch wenn sich Philippoz hier mit dem kulturellen Erbe und mit Folklore beschäftigt, zeigt er vor allem sehr viel Privates und Autobiografisches, wie oft in seiner Kunst. Als er 2013 ins Wallis zurückkehrte, renovierte er die Wohnung seiner Grossmutter in einem kleinen, auf 1000 Metern gelegenen Dorf und öffnete sie unter dem Titel ‹Hotel Philippoz› in Residency-Projekten den Kollegen aus Kunst und Kultur. Das Nennen des eigenen Namens hat System, geht er doch oft von Recherchen im Privaten aus und denkt erst in einem zweiten Schritt darüber nach, wie sich das Gezeigte in Bezug auf gesellschaftliche Normierung verhält. Ein Loch in einer Wand erklärt sich erst bei Nachfrage als Element aus einem Schwulenclub; und eine Jesus-Darstellung weist er im persönlichen Gespräch als Werk seines Vaters aus. Verschiedene Elemente im Carnotzet halten vertraute und intime Dinge aus dem Leben des Künstlers fest. Somit vermischt die Ausstellung das Eigene und das Fremde auf eine unaufdringliche Weise. Das Carnotzet zwischen Familie und Öffentlichkeit, zwischen Privatem und Publizität: Diese unsichtbaren Grenzen werden hier thematisiert und in Kunst erlebbar. Unaufdringlich, bestimmt und schön.

Bis 
11.11.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Le carnotzet - Eric Philippoz 25.11.201711.11.2018 Ausstellung Sion
Schweiz
CH
Autor/innen
Sibylle Omlin
Künstler/innen
Eric Philippoz

Werbung