INHALE HOLD EXHALE

TITELBILD · Jeppe Hein · INHALE HOLD EXHALE, 2016, Courtesy König Galerie, Berlin; 303 Gallery New York; Galleri Nocilai Wallner, Kopenhagen. Foto: Hendrik Albrecht

TITELBILD · Jeppe Hein · INHALE HOLD EXHALE, 2016, Courtesy König Galerie, Berlin; 303 Gallery New York; Galleri Nocilai Wallner, Kopenhagen. Foto: Hendrik Albrecht

Editorial

INHALE HOLD EXHALE

Kaum habe ich den grossen Saal betreten, halte ich schon einen dicken Pinsel in der Hand, werde von einer Mitarbeiterin ermuntert, ihn in einen Eimer mit blauer Farbe zu tunken und eine lange vertikale Linie auf die Wand zu ziehen. Ja, wie lang denn genau? So lang, wie das Ausatmen dauert. Wie andere vor mir hole ich tief Luft, strecke mich so gut es geht und ziehe den triefenden Pinsel von weit oben bis knapp über den Boden. Dann, beim Zurücktreten, zeigt sich: Die vertikalen Striche sind alle verschieden. Mal etwas länger, mal bestimmter, mal krakeliger – und doch verbinden sie sich zu einer luftigen, rhythmischen, wand- und raumfüllenden Malerei. Auch Atemholen heisst Raum einnehmen, in der Höhe, in der Tiefe und – als Kollektiv – in der Breite.

INHALE HOLD EXHALE leuchtet uns daneben aus einem Spiegel entgegen. Doch anders als auf der Yogamatte sind wir hier nicht dazu angehalten, die Übung mit geschlossenen Augen zu vollziehen, ganz auf das Geräusch des Ein- und Ausströmens der Luft konzentriert. Vielmehr schauen wir uns selbst und anderen dabei zu, wie wir einatmen, anhalten, ausatmen. Und wir erfahren, wie der Künstler Jeppe Hein über das Atemholen wieder zur Kunst gekommen ist. Bei der Eröffnung im Kunstmuseum Thun erzählt er, wie er nach einem Burnout als junger künstlerischer Überflieger von der Horizontalen wieder in die Vertikale gefunden hat: mit Hilfe eines Therapeuten, der nichts anderes tat, als seinen Atem mitzuzählen. Den Erschöpfungszustand hat er überwunden, doch das feine Gespür für unsichtbare Hemmschwellen, Käfige, Labyrinthe ist immer noch da. Er baut daraus Objekte und spielerische Anlagen und lässt uns entscheiden, wann wir eintauchen, welchen Durchgang wir wählen, wo wir uns spiegeln und wann wir eine Nebelschwade aussitzen.
Claudia Jolles

Autor/innen
Claudia Jolles

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