Jeppe Hein – Der Mönch, der seinen Ferrari verkaufte

Smoking Bench, 2012, Installationsansicht Bonniers Konsthall, 2013. Foto: Per Kristiansen

Inhale – Hold – Exhale, 2016, Installationsansicht Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry

Cage and Mirror, 2011, Installationsansicht 21st Century Museum of Contemporary Art, Kanazawa, Japan

Jeppe Hein, 2018, Courtesy Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry

Invisible Labyrinth, 2005, Installationsansicht Kunstmuseum Thun. Foto: Ian G.C. White

Fokus

Die Biografie Jeppe Heins ist geprägt von einer Zäsur. Ein Burnout zwang den dänischen Künstler 2009 zu einer Vollbremsung und einer Neuevaluation – von Leben, Werk und Art des Arbeitens. Die Ausstellung ‹Einatmen – Innehalten – Ausatmen› im Kunstmuseum Thun legt Zeugnis ab von dieser Reflexion und lädt dazu ein, es dem Künstler gleichzutun.

Jeppe Hein – Der Mönch, der seinen Ferrari verkaufte

Jeppe Hein begrüsst die versammelte Presse mit der Einladung zu einem Spiel. Der in Kopenhagen geborene Däne, der schon lange in Berlin lebt, zeigt eine kindliche Freude und unprätentiöse Nahbarkeit. Eine Hand auf der Schulter des Gegenübers, Augenkontakt und sein T-Shirt, auf dem ‹I am right here, right now› geschrieben steht, sprechen von einer Offenheit, die nicht immer selbstverständlich ist in der Begegnung mit Künstler/innen und ihrer Kunst. Und so nimmt man die Einladung selbstverständlich gerne an. Das Eisbrecher-Spiel, der thematischen Klammer des Atmens der Ausstellung im Kunstmuseum Thun entsprechend, verlangt von den Anwesenden, eine Feder ohne Zuhilfenahme der Hände durch den Raum schweben zu lassen. Das sorgt für Spass, zugleich für Irritation und auch Erhellung, denn dieser kurze Moment zeigt: Jeppe Hein ist keiner, der sich hinter verklausulierter Insidersprache versteckt oder den über den Dingen schwebenden Genius geben möchte.

Jeppe Hein wurde 1974 in Kopenhagen geboren und studierte sowohl an der Royal Danish Academy of Arts in Kopenhagen als auch an der Städelschule in Frankfurt am Main. Der junge Künstler machte sich nach der Jahrtausendwende schnell einen Namen in der internationalen Kunstwelt, massgeblich durch die Arbeit ‹360° Presence›, die er 2002 beim damals noch am Beginn seiner Karriere stehenden Galeristen -Johann König in Berlin zeigte. Retrospektiv erscheint diese Arbeit untypisch für den heute so in sich ruhenden Hein: Eine Stahlkugel liegt bewegungslos im Raum, bis jemand den Raum betritt. Dann setzt sie sich, gesteuert von einem Sensor, in Bewegung und zerstört unaufhaltsam und mit aggressiver Dringlichkeit die Umgebung. So lange, bis der Raum wieder der Kugel allein gehört. Johann König hat in Interviews oft erwähnt, dass diese Arbeit den Durchbruch seiner Galerie bedeutete. Auch Hein avancierte damit zum festen Bestandteil des globalen Kunst-Jetsets, verknüpfte er doch elegant formalen Minimalismus mit disruptiven Elementen und Fragestellungen. Dass diese Entwicklung zum Kunststar nicht ohne Folgen bleiben sollte, ist mittlerweile bekannt. 2009 folgte ein Burnout und seitdem kommt kein Text, auch dieser nicht, ohne Verweis auf seine Erkrankung aus. 

Vollbremse
Die Frage, ob er darüber nachgedacht habe, das Künstlerdasein aufzugeben, beantwortet Hein, in sympathisch dänisch eingefärbtem Deutsch, so: «Zunächst musste ich aufhören mit allem, was ich gemacht habe – full stop. Dann habe ich angefangen, Aquarellzeichnungen zu malen, als visuelles Tagebuch meiner Krankheit, aber ohne mir sicher zu sein, diese jemals zeigen zu wollen.» Eine Auswahl dieser Aquarelle ist nun in Thun zu sehen und sie offenbart eine neu entstandene Sicht des Künstlers auf die Welt. Yoga, Meditation und eine stete Bewusstmachung der eigenen Situation sind wiederkehrende Themen, die Halt gaben und geben und zum festen Bestandteil seiner Kunst nach 2009 wurden. Im Gespräch sagt der Künstler: «Ich hatte 912 Bilder gemalt, mittlerweile sind es über 3000, und sehnte mich nach einem Dialog. Diese Selbstoffenbarung war zunächst komisch, aber ich habe gemerkt, dass die Aquarelle bei vielen Leuten etwas auslösen.» Heins offener Umgang mit der Krankheit ist seitdem ebenfalls programmatisch und auch immer wieder Thema in Texten und Gesprächen. Seine Kunst ist ein in Skulpturen und Installationen geformter Appell der Entschleunigung; ein Plädoyer für Spiritualität und Meditation, ohne missionieren zu wollen: «Die Leute können selber entscheiden, ob sie der Spiritualität in meiner Kunst folgen möchten. Für mich ist sie wichtig, aber es ist mir nicht wichtig, dass sie für andere auch wichtig ist. Es gibt auch andere Zugangsweisen zu meinen Arbeiten.»

Der kleinste gemeinsame Nenner
Diese anderen Zugangsweisen werden offensichtlich, wenn man sich die Ausstellung in Thun genauer anschaut. Das Atmen, ein auf den ersten Blick etwas beliebig scheinendes Ausstellungsthema, wird zum kleinsten gemeinsamen Nenner, der unterschiedliche Lesarten zulässt. Die Spiritualität, die Hein wichtig (geworden) ist, lässt sich ausblenden für konventionellere Bezugspunkte. So fällt zum Beispiel auf, dass die fünfzehn gezeigten Arbeiten, von denen nur drei vor 2009 entstanden, immer noch mit einer äusserst reduzierten Formensprache auskommen. Am deutlichsten wird diese Reduktion bei der Arbeit ‹Smells like … Stillhet›, 2014, die, der Titel verrät es, der Versuch des Künstlers ist, Stille in einen Duft zu giessen. Dieser mäandert nun durch die hohen Räume des Kunstmuseums Thun und riecht subtil wie der norwegische Wald. Ebenfalls sehr minimalistisch ist die Arbeit ‹Breath II›, 2018, in der Hein seinen eigenen Atem in Glaskugeln gefüllt hat, die aussehen wie Seifenblasen oder bunte Ballons. Der unsichtbare und formlose Inhalt wird erst sichtbar durch die farbige -Hülle, die den Atem zur Skulptur transzendieren lässt. Visuell am abwechslungsreichsten und überbordend sind dann vor allem die erwähnten Aquarellzeichnungen, die einen tiefen Einblick in das Leben und die Gemütszustände Heins geben: Mal düster, mal hell, ohne Filter und immer beeinflusst durch seine Umgebung und Situation eröffnen sie ein Seelenpanorama, mit dem der Künstler seinen alltäglichen Umgang mit der Krankheit offenlegt. Und so geht man durch die Ausstellung und stellt fest, dass es sich bei ‹Einatmen – Innehalten – Ausatmen› um ein ausuferndes Selbstporträt handelt, das dem Besucher gleichzeitig ermöglicht, immer wieder den Blick auf sich selbst zu richten. Sei es durch den Blick in die vielen Spiegel, die schon immer ein wichtiges Element der Kunst Heins waren, oder eine Arbeit wie ‹Breathing Watercolours›, die alle Gäste der Ausstellung dazu einlädt, im Rhythmus ihrer Atmung blaue Pinselstriche auf die Museumswände zu malen. Und so wird man zum Komplizen in Heins Streben nach Entschleunigung und einem bewussteren Leben. 

Herzkunst
Auf die Frage, ob seine Kunst nicht so etwas wie die Antithese zur vorherrschenden rechercheintensiven und minutiös ausdefinierten Gegenwartskunst sei, antwortet der Künstler: «Ich mache Kunst mit dem Herzen, andere mit dem Kopf. Ich glaube, damit treffe ich einen Nerv der Gesellschaft. Wir brauchen manchmal Ruhe vom Kopf.» Das zeigt sich in Thun unter anderem daran, dass die Ausstellung vollständig ohne Wandtexte auskommt, die auf doppelte Böden in den Arbeiten hinweisen oder Kontext liefern müssten. In Zen-Manier sagt Hein zu seiner Herzkunst: «Ich habe manchmal das Gefühl, dass meine Kunst von einigen nicht ernst genommen wird, aber das ist auch völlig in Ordnung. Ich kann nicht Kunst für alle machen. Ich würde das gerne machen, aber ich würde auch gerne die ganze Welt retten.» 

Das ist natürlich klar: Die ganze Welt rettet Jeppe Hein mit seiner Kunst nicht, für seine eigene Rettung aber, war sie entscheidend. Und nach dem Gespräch mit ihm denkt man noch einmal zurück an die Arbeit, die alles ins sprichwörtliche Rollen brachte, und stellt fest: Sie passt immer noch zu diesem Künstler, der auf sie angesprochen mit einer Anekdote antwortet: «Ich sammle sehr viel Kunst. Ein junger Künstler aus Dänemark, von dem ich zum Beginn seiner Karriere sehr viele Arbeiten gekauft habe, schrieb mir vor Kurzem und fragte, ob er sie zurückkaufen und mir dafür neue Bilder geben könne. Die Anfrage habe ich abgelehnt. Ich finde es sehr wichtig, zu wissen, was für eine Person er damals war, und ich habe die Kunst ja auch aus bestimmten Motiven zur damaligen Zeit gekauft. Genauso finde ich wichtig, zu wissen, was für eine Person ich früher war. Ich war der Künstler, der die Galerie mit der Kugel zerstört hat. Der damit alles in Frage stellen wollte.» Die Fragen, die sich Hein stellt, sind im Lauf der Jahre andere geworden. Die Ausstellung im Kunstmuseum Thun lädt dazu ein, gemeinsam mit ihm über sie nachzudenken, und eröffnet die reizvolle Möglichkeit, dadurch auch etwas über sich selbst zu erfahren.

Bis 
29.07.2018

Jeppe Hein (*1974, Kopenhagen) lebt und arbeitet in Berlin und Kopenhagen
1997 Royal Danish Academy of Arts, Copenhagen
1991 Städel Hochschule für Bildende Künste, Frankfurt am Main

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 ‹This Way›, Kunstmuseum, Wolfsburg
2010 ‹1 x Museum, 10 x Rooms, 11 x Works›, Jeppe Hein, Neues Museum, Nürnberg
2009 ‹Please, Please Please ... ›, Contemporary Art Gallery, Vancouver
2007 ‹Distance›, The Curve, Barbican Art Centre, London
2004 ‹Flying Cube›, MoMA P.S.1., New York
2002 ‹360° Presence›, Johann König, Berlin

Mathis Neuhaus (*1991), freier Autor und Mitgründer des transmedialen Verlags Transform, schreibt über und arbeitet in Themen der Gegenwart. hello@mathisneuhaus.de

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Jeppe Hein 03.03.201829.07.2018 Ausstellung Thun
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Mathis Neuhaus

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