Kunstklima — Hongkong

In Hongkong ist Platz zur freien Entfaltung rar, deswegen wird jede sich bietende Chance genutzt. Das Dach des verfallenen Theaters an der King’s Road wird von Künstler/innen besetzt:Ein alter Mann gibt mir in einem provisorischen Verschlag eine Einführung in die Kalligraphie. Daneben sitzt ein Maler an seiner Staffelei und dokumentiert den Verfall dieser alten Institution.
 
 

In Hongkong ist Platz zur freien Entfaltung rar, deswegen wird jede sich bietende Chance genutzt. Das Dach des verfallenen Theaters an der King’s Road wird von Künstler/innen besetzt:
Ein alter Mann gibt mir in einem provisorischen Verschlag eine Einführung in die Kalligraphie. Daneben sitzt ein Maler an seiner Staffelei und dokumentiert den Verfall dieser alten Institution.

 

 

Fokus

Hongkong ist eine Stadt voller Widersprüche. Das ungezähmte Kapital existiert in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kunsträumen, die jeden Tag neu um ihre Existenz bangen müssen. Doch trübt das nicht die Zuversicht, und aufgeben ist keine Option. Denn wo ein Wille ist, ist oft auch ein Weg.

Kunstklima — Hongkong

Manchmal dauerte die Suche eine Weile. Auch mit Wissen der genauen Adresse ist der Besuch unabhängiger Kunsträume in Hongkong kein triviales Vorhaben. Die ostasiatische Metropole hat die höchste Hochhausdichte der Welt und ist ein auf relativ kleiner Fläche konzentrierter Ballungsraum für über sieben Millionen Menschen. Diese Tatsache macht das unmittelbar zugängliche und prominente Erdgeschoss begehrt, rar und meist unerschwinglich für knapp budgetierte Kunstorte. Ohnehin, die Preise: Ein Parkplatz wechselt auch mal für CHF 300’000 den Besitzer, während 80 Quadratmeter grosse Wohnungen in drei kleinere Apartments unterteilt werden, um finanzierbar zu bleiben für die, die nicht im endlosen Kapitalstrom mitschwimmen können.
Hongkong ist sehr reich und arm zugleich. Der Status als Sonderverwaltungszone sorgt für eine (relative) Unabhängigkeit von China und macht die Stadt attraktiv als internationales Finanzzentrum. Diese massierte Konzentration des Grosskapitals spiegelt sich auch in der Kunst: So haben Blue-Chip-Galerien wie Gagosian, David Zwirner und Hauser & Wirth repräsentative Dependancen in Hongkong, und es gibt prestigeträchtige Projekte wie das M+. Das Museum, ein von Herzog & de Meuron entworfenes Gebäude, soll 2019 eröffnen. Es wird u. a. die Sammlung des Schweizers Uli Sigg präsentieren, deren Wert auf über CHF 150 Millionen taxiert wird.

Ich jedoch war in Hongkong nicht auf der Suche nach perfekt ausgeleuchteten Arbeiten von Damien Hirst in Galerien, die weltweit die gleiche normierte Erfahrung garantieren. In den drei Monaten, die ich im Rahmen des Semesterprogramms Transcultural Collaboration der Zürcher Hochschule der Künste in der Stadt verbrachte, lernte ich Orte und Personen kennen, die Glücksfälle sind für eine unter Druck stehende Stadt und das Kunstklima stärker prägen, als globale Galerist/innen es je könnten. Ein solcher Ort ist das Foo Tak Building in Wanchai, einem eher reichen Stadtteil Hongkongs. Die Nutzung des 14-stöckigen Gebäudes als Buchhandlung, Atelier und Versammlungs- und Diskursraum für Künstler/innen und NGOs wird ermöglicht durch eine im Hintergrund bleibende Mäzenin, die diese kreative Oase im Herzen der Stadt finanziert. Bei meinem Besuch im letzten September zeigte sich, wie wichtig diese philanthropische Geste ist: Jungen Kunstschaffenden wird eine professionelle Infrastruktur zur Verfügung gestellt, um die eigene Praxis weiterzuentwickeln und zu schärfen, und ein Stockwerk darüber arbeiten unabhängige Verleger daran, dass die öffentliche Meinung nicht ausschliesslich von wenigen, zentralisierten Stimmen beeinflusst wird. Wiederum ein Stockwerk höher befinden sich eine Buchhandlung und ein Ausstellungsraum mit Fokus auf feministischen, politischen und künstlerischen Themen, die möglicherweise an anderen, staatlich finanzierten Orten der Zensur zum Opfer fallen würden. In Gesprächen mit den treibenden Kräften des Foo Tak Building fallen Begriffe wie Solidarität, Möglichkeitsraum und Zufluchtsort. Ich möchte ergänzen: Hoffnungsträger. Das passt für Michael Leung. Der junge Künstler, Designer und Aktivist setzt sich engagiert für ein solidarisches Hongkong ein. Ein Spaziergang mit ihm durch Yau Ma Tei, das Stadtviertel, in dem er lebt, eröffnet ein Panorama verschiedener Gesellschaftsschichten verbunden in dem Wunsch nach einer lebenswerten Stadt. Michael Leung ist der Mediator dieses Wunsches und initiiert u. a. gemeinsames Urban Gardening oder Filmscreenings in der Nachbarschaft. Mit begrenzten Möglichkeiten aktiviert er das unbegrenzte Potenzial Hongkongs.

Mathis Neuhaus (*1991) lebt in Zürich, verbrachte aber vier Monate des Jahres 2017 als Beteiligter des Programms Transcultural Collaboration der ZHdK in Hongkong, Seoul, Tokyo und Singapur.

Autor/innen
Mathis Neuhaus

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