Lena Henke

Lena Henke · An Idea of Late German Sculpture; To the People of New York, 2018, Ausstellungsansicht Kunsthalle Zürich
 

Lena Henke · An Idea of Late German Sculpture; To the People of New York, 2018, Ausstellungsansicht Kunsthalle Zürich

 

Lena Henke · Sebastian (after Wilhelm Lehmbruck), Dad (after Jacques Lipchitz), 2017, Silikon, Plastik, Pigment 
 

Lena Henke · Sebastian (after Wilhelm Lehmbruck), Dad (after Jacques Lipchitz), 2017, Silikon, Plastik, Pigment 

 

Hinweis

Lena Henke

Zürich — Wie eine Piratin geht Lena -Henke (*1982, Warburg) auf Raubzug durch die Geschichte moderner Plastik und wählt nur die berühmtesten Beispiele aus, um sich ihrer zu bemächtigen. Nicht physisch, versteht sich, sondern ideell. Pate standen kleinformatige Schlüsselwerke von Rudolf Belling, Wilhelm Lehmbruck, Henri Laurens, Jacques Lipchitz, Ewald Mataré und Man Ray, allesamt solche, die, bis auf das surrealistische Nagelbügeleisen Man Rays, der Figuration verpflichtet bleiben. Dies hat seinen Grund. Denn Henke benutzt die in Museen vorgefundenen Plastiken ihrer grossen Künstlerkollegen, um sie sich ganz persönlich anzueignen, im Rahmen einer sogenannten Familienaufstellung. Nach dem Motto von Bert Hellinger, seines Zeichens Psychotherapeut und Begründer der systemischen Familientherapie, personalisiert Henke jede Büste und tauft sie auf den Namen eines Familienmitglieds. Rudolf Bellings ‹Kopf in Messing› von 1925 heisst in ihrem Arrangement also ‹Simon›, eine Büste nach dem Vorbild von Wilhelm Lehmbruck ‹Sebastian› und so fort.
Doch Henke kopiert nicht nur Vorbilder aus dem Kanon der klassisch-modernen Plastik, sie manipuliert diese auch, ändert sie prägnant ab. Denn der ursprüngliche Flirt mit der Abstraktion wird nun rückgängig gemacht hin zur Konkretion, zur Vermenschlichung. Auch dafür bietet Bellings Kopf ein beredtes Zeugnis. Zu seiner zeitlos eleganten Form inspiriert wurde er von der Tänzerin Toni Freeden, die er 1923 geheiratet hatte. Das Hin-und-Her-Pendeln zwischen Charakterisierung und Stilisierung macht die Berühmtheit seiner Plastik aus. So verwandelt Henkes das weibliche Geschlecht ihres Vorbilds in ein männliches und weicht auch Bellings Stilisierung auf. ‹Simon› erscheint weniger eingefroren als der ‹Kopf in Messing›. Seine Haut ist stärker modelliert, wirkt eher wie aus Fleisch und Blut. Das hat auch mit dem veränderten Material zu tun: Statt aus Messing, Bronze, Stein oder Eisen formt Henke ihre Repliken aus Silikon und Gummi und färbt sie violett ein. Damit verzichtet sie auf die zeitlose Dauer, die den Materialien ihrer Vorbilder eigen ist. Sie arrangiert ihre Plastiken entlang einer reinweis-sen Regalwand, auf postmodern anmutenden Wolken- und Säulenfragmenten – inspiriert von Giorgio de Chiricos Gemälde ‹L’archeologo›, 1927. Neben diesen appropriierenden Werken zeigt die Künstlerin auch originär-eigenständige Formfindungen im monumentalen Massstab. Als Messlatte dienen der Modulor von Le Corbusier und ihr eigener Körper. Die drei frei im Ausstellungssaal verteilten Objektgruppen treten paarweise auf und führen die Qualitäten von Plastik im Raum schlechthin vor Augen, ermuntern also abermals zu der Frage, was Plastik heute sein kann und wie ihr Verhältnis zur Geschichte aussieht.

Bis 
13.05.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Lena Henke 03.03.201813.05.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Lena Henke
Autor/innen
Mechthild Heuser

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