Manifesta 12 — Eine Tour durch die DNA Palermos

Mirjam Varadinis

Francesco Lojacono · Veduta di Palermo, 1875, Manifesta 12 Palermo Atlas, 2017, Courtesy OMA

 

Orto Botanico, Palermo, Manifesta 12 Palermo Atlas, 2017, Courtesy OMA. Foto: Delfino Sisto Legnani

 

Piazza Magione, Palermo, 2017, Courtesy Manifesta. Foto: Cave Studio

 

Gilles Clément & Coloco · Gartenprojekt Zona Espansione Nord, Palermo, 2018, Courtesy Manifesta. 
Foto: Cave Studio

 

Fokus

Seit 1993 sondiert die Europäische Wanderbiennale Manifesta in Form von anstossfinanzierten Projekten und mit wechselndem kuratorischen Ansatz eine Stadt oder Region in Europa. Palermo, lange im Sog der Cosa Nostra, dank diverser Offensiven nun aber zurück auf der Agenda, wird dieses Jahr Gastgeber sein. Ein Gespräch mit der Zürcherin Mirjam Varadinis, die zusammen mit dem italienischen Architekten und OMA-Mitarbeiter Ippolito Pestellini Laparelli, der niederländischen Filmemacherin Bregtje van der Haak und dem spanischen Architekten Andrés Jaque die Manifesta 12 verantwortet. 

Manifesta 12 — Eine Tour durch die DNA Palermos

Näff: Mirjam, du bist seit 2002 Kuratorin am Kunsthaus Zürich, hast «nebenbei» aber immer wieder an internationalen Projekten mitgewirkt, etwa als Co-Kuratorin der Ausstellung ‹Track› in Gent, die 2012 parallel zur Manifesta 9 in Genk zu sehen war. Nun bist du Teil des vierköpfigen Creative Team der Manifesta 12, die im Juni in Palermo eröffnet. Wie ist es dazu gekommen?

Varadinis: Das ist eine lange Geschichte, die tatsächlich bis zu den Ausstellungen in Belgien zurückreicht. Damals lernte ich Hedwig Fijen, die Direktorin der Manifesta, näher kennen, weil wir unsere Projekte, die beide vom flämischen Kulturförderprogramm unterstützt wurden, gemeinsam auf Panels vorstellten. Hedwig Fijen gefiel die Ausstellung in Gent sehr. Ein Jahr später kuratierte ich ein Projekt für die 5. Moskau Biennale. Das war wiederum zeitgleich mit den Vorbereitungen der Manifesta in St. Petersburg. In Zürich war ich schliesslich zusammen mit Cuauhtémoc Medina Teil der Manifesta-Jury, die gemeinsam mit Vertretern der Stadt den künstlerischen Leiter bestimmte. Als Hedwig dann erfuhr, dass mich mit Sizilien, dem Austragungsort ihrer nächsten Biennale, viel verbindet, war es bis zur Anfrage nicht mehr weit.

Näff: Ihr vier seid ein interdisziplinäres Team, mit leichtem Vorteil für die Architektur, was angesichts der gezielt kaputtgewirtschafteten Bausubstanz Palermos und des sinnigerweise an Rem Koolhaas bzw. OMA erteilten Auftrags, das urbane und soziale Gefüge der Stadt zu analysieren, ja auch legitim ist. Kuratiert ihr gemeinsam oder hat jeder seinen spezifischen Bereich?

Lokal verwurzelt, global vernetzt
Varadinis: Als wir uns vor etwa anderthalb Jahren erstmals trafen, kannten sich nur Ippolito Pestellini und Andrés Jaque. Rasch wurde aus uns aber ein gut funktionierendes Kollektiv, das gemeinsam Entscheidungen trifft. Dies gilt namentlich auch für die Auswahl der Künstler/innen respektive Teilnehmer/innen, die wir zusammen bestimmt haben. Unser jeweiliger Hintergrund fliesst natürlich mit ein, doch wir teilen uns die Arbeit nicht nach Fachgebieten auf. Auch die von Ippolito durchgeführte städtebauliche Studie, den ‹Palermo Atlas›, haben wir von Anfang an als Team aktiv begleitet und thematisch mitgestaltet. 

Näff: Migration, Gentrifizierung, die neue Rolle des Tourismus für Palermo im -Positiven wie Negativen: Anders als die etwas kraftlose Manifesta 11 verspricht die kommende Ausgabe einiges an politischer Diskussion. Das erinnert an die letzte Documenta oder auch an Ausstellungen wie Massimo Gionis ‹La terra inquieta› in der Triennale di Milano …

Varadinis: Thematisch gibt es sicherlich Berührungspunkte. Das ist auch nicht verwunderlich, denn diese Grossausstellungen sind so etwas wie Seismografen unserer Zeit. Doch der grosse Unterschied liegt darin, dass die Manifesta in Palermo nicht im institutionellen Raum stattfindet, sondern mit der Stadt selbst als Material arbeitet, in ihre DNA vordringt und mit den Leuten vor Ort Projekte entwickelt, die sich organisch in die vorgefundene, mit Geschichte und Geschichten aufgeladene bauliche Substanz einfügen. Wir setzen also ganz stark auf Verwurzelung.

Näff: Mit dem Thema Verwurzelung sind wir beim Garten, eurem Leitmotiv, für das ihr im Orto botanico von Palermo mit seiner Artenvielfalt das ideale Pendant gefunden habt, um sowohl den gesellschaftlichen Wandel als auch ökologische Fragen zu thematisieren. Nun ist ein Garten aber auch ein geschütztes Gelände, eine Metapher der ausgesuchten Kohabitation, die mit der Wirklichkeit einer rund um den Globus Mauern errichtenden Politik bricht. Bürgermeister Leoluca Orlando hat hier mit seinem Postulat nach einer Charta für ein Menschenrecht auf Mobilität bereits angesetzt. Wie reagiert ihr kuratorisch auf diesen Konflikt?

Neue Räume, ziviles Handeln
Varadinis: Wir sehen den Garten keinesfalls als geschlossene Entität, im Gegenteil. Für uns ist er vielmehr ein Ort des Zusammentreffens verschiedenster Mikrosysteme, die – auch aufgrund von Faktoren, die wir Menschen nicht kontrollieren können – zu interessanten Kreuzbestäubungen und so zu neuem Leben führen. Den -Titel ‹Planetary Garden› haben wir Gilles Clément, einem französischen Botaniker und Landschaftsgärtner, entliehen. Im Unterschied zu Cléments Buch aber, das in den Neunzigerjahren erschienen ist, denken wir uns den Menschen nicht mehr als alleine verantwortlichen Gärtner, sondern als Instanz, die in Abhängigkeit von zahlreichen weiteren Akteuren und Prozessen wie dem Klima und seinem Wandel agiert. Der Orto botanico, der seit seiner Gründung im 18. Jahrhundert als botanisches Testgelände verwendet wird, ist denn auch einer unserer Hauptausstellungsorte. Und natürlich haben wir Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die sich mit Pflanzen als Metapher für Migration beschäftigen – so z. B. die Brasilianerin Maria Thereza Alves. Sie interessiert sich für Pflanzen wie Zitrusfrüchte oder Kaktusfeigen, die zum Sinnbild von Palermo und Sizilien geworden sind, ursprünglich aber aus aus Lateinamerika und anderen Weltgegenden stammen. Auch Gilles Clément, den wir natürlich dabeihaben wollten, realisiert ein tolles Projekt, bei dem er gemeinsam mit den Bewohnern eines extrem problematischen Stadtteils, der Zona Espansione Nord (ZEN), einen Garten mit Langzeiteffekt und -verantwortung anlegt.

Näff: Nebst dem Orto botanico und der unlängst noch von vielen Einwohner/innen Palermos gemiedenen Piazza Magione, einem anderen eurer Hauptspielorte, setzt ihr also auch fern der Stadtmitte explizit auf den öffentlichen Raum. Das Problem der geringen Sichtbarkeit der Manifesta in Zürich scheint damit gemildert und spiegelt zudem die von Leoluca Orlando initiierte Rückeroberung der Stadt durch Kultur.

Varadinis: Palermo hat sich in der Tat in den letzten Jahren stark verändert. Wir bewegen uns einerseits an nun wieder zugänglichen Plätzen, möchten aber ganz bewusst auch alternative Wege durch die Stadt eröffnen – sowohl für die Touristen, die sich normalerweise nur vom Hafen zur Kathedrale und wieder zurück bewegen, wie auch für die Einheimischen. Wir haben Orte gefunden, die selbst eingefleischten Palermitani unbekannt sein dürften. Wenn sie die Ausstellung besuchen, entdecken auch sie ihre Stadt neu. Das ist uns wichtig.

Näff: Die Manifesta samt ihren Collateral Events ist ja nur einer von mehreren Vorstössen. 2015 wurde dem arabisch-normannischen Kulturerbe das UNESCO-Label verliehen und damit der Pullfaktor potenziert. Wenig später hat man nachgedoppelt und Palermo zur italienischen Kulturhauptstadt 2018 gewählt. Besteht da nicht die Gefahr, als Kulturakteurin selber Katalysator für Negativentwicklungen zu sein? 

Varadinis: Gewiss, auch die Manifesta ist letztlich Teil einer Gentrifizierungsmaschinerie. Doch in vielen Teilen der Stadt ist eine Gentrifizierung im negativen Sinne noch weit entfernt. Es geht hier vielmehr um das Legen von Infrastrukturen bzw. ein Zugänglichmachen von bestimmten Örtlichkeiten. Sizilien steckt immer noch in einer tiefen ökonomischen Krise. Das zeigt sich auch in der baulichen Substanz der Stadt.

Analysen, Prozesse und Ergebnisse
Näff: Die Manifesta hat mit dem ‹Palermo Atlas› von OMA nicht nur eine wertvolle Analyse geleistet, sie will in bewährter Manier auch Denkweisen öffnen, Begegnung ermöglichen, Prozesse anstossen: etwas, das ihr mit dem Begriff des zivilen Handelns schön umreisst. Ist mit etwas zeitlichem Abstand so etwas wie eine Ergebniskontrolle geplant?

Varadinis: Nach einem Jahr soll ein erstes Mal zurückgeschaut werden, und es ist auch geplant, zu diesem Zweck eine Studie in Auftrag zu geben. Wir versuchen ja, mit dem Programm der Manifesta verschiedene Projekte anzustossen, die langfristig angelegt sind. Mit der Studie soll überprüft werden, was davon tatsächlich funktioniert und ob die anvisierten Besucher- bzw. Bevölkerungsgruppen auch in Zukunft davon profitieren können.

Näff: Schlussfrage: Die Manifesta-Arbeitssprache ist Englisch. Du sprichst aber auch Italienisch und hast, wie eingangs erwähnt, privat einen engen Bezug zu -Sizilien. Haben sich dir Türen und Herzen dadurch schneller geöffnet?

Varadinis: Unbedingt, ja. Die Zusammenarbeit mit den vielen lokalen Projektpartner/innen und der Bevölkerung wäre sonst kaum in so unmittelbarer Weise möglich.

Das Gespräch fand am 19.3. im Kunsthaus-Café in Zürich statt. Astrid Näff ist freischaffende Kunsthistorikerin. Für die Manifesta 11 war sie als Art-Mediatorin tätig. artescript@bluewin.ch

Bis 
04.11.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Manifesta 12 16.06.201804.11.2018 Grossausstellung/Festival Palermo
Italien
IT
Autor/innen
Astrid Näff

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