Mutige neue Welt?

A.C. Kupper, Untitled, Silver Gelatin Print auf Barytpapier © ProLitteris
 

A.C. Kupper, Untitled, Silver Gelatin Print auf Barytpapier © ProLitteris

 

Heidi specogna · cahier africain, Schweiz/Deutschland, 2016, Dokumentarfilm, -Französisch, Arabisch, Sango, 119’
 

Heidi specogna · cahier africain, Schweiz/Deutschland, 2016, Dokumentarfilm, -Französisch, Arabisch, Sango, 119’

 

Hinweis

Mutige neue Welt?

Zürich – Mit einer energetischen Ausstellungstrilogie will das Helmhaus Zürich symbolisch die Welt erneuern: Mit dem Titel ‹refaire le monde› bietet es Raum für Manifeste, Asylsuchende, und Werke, die ihren Betrachter/innen den Weg versperren. «These, Antithese, Synthese» lautet der altbekannte Dreischritt dialektischer Erkenntnis. Die Formel könnte gut für die Ausstellung ‹refaire le monde *POSITION› im Helmhaus Zürich herhalten. Die Schau versteht sich als Auftakt einer Trilogie, die dem Namen nach von der -POSITION über die EX-POSITION zur PROPOSITION gelangt. Die Institution Museum soll also nicht als Medium einer Ausstellung (Exposition), sondern eines Vorschlags, Inhalts oder Zwecks (Proposition) verstanden werden. Dass diese fingierte Marginalisierung des Ausstellens als Ausstellung beginnt, ist dabei nur konsequent, folgt man dem dialektischen Credo. Da allerdings zu erwarten ist, dass der Museumsbetrieb im Anschluss wie gewohnt weitergeht, ist die Trilogie eher als temporäres Experiment mit entsprechender Narrenfreiheit zu betrachten und weniger als systematische Verwirklichung eines Gedankens als Programm. Jedenfalls eröffnet «refaire le monde» mit Positionen im ganz literarischen Sinn: mit Versprechen, Manifest und Kommentar. Sie alle erscheinen bereits vor dem Betreten der Ausstellung. Ein rosa Wandtext am Ende der Treppe kündigt an, worum es hier gehen wird, und schliesst mit der Erklärung: «refaire le monde: fangen wir an.» Keine zwei Schritte weiter wartet eine Kiste vollgepackt mit Saaltexten, fast wie Flugblätter, die wie ein Manifest Willen und Wunsch der Kuratoren vermitteln. Schliesslich hängt darüber eine Fotografie von A. C. Kupper (*1962), die einen Dolendeckel an der Zürcher Langstras-se wie die US-Flagge inszeniert. Der Boden – das Unbeachtete – wird plakativ: ein Kommentar auf das öffentliche Bild der Langstrasse, die gerne als Brennpunkt für soziale Randfiguren verstanden wird. Ein Moment fällt besonders auf: der Versuch, das Museum in einen Ort zu verwandeln, der nicht nur deklarierter Kunst, sondern auch anderen Kulturpraktiken einen Raum bietet. Das gilt einerseits der dokumentarischen Recherche und Präsentation, wie sie durch Heidi Specognas (*1959) Dokumentarfilm ‹cahier africain› vermittelt wird. Andererseits der gemeinschaftlichen Zusammenkunft, die sich etwa darin abzeichnet, dass Asylsuchende eines Zürcher Übergangszentrums zusammen mit dem Künstler Raphael Perret einen grossen Raum bespielen, der zwischen Projektraum, Bühne für biografische Erzählungen und Archiv oszilliert. Was damit entsteht, ist weniger eine neue Kategorie von sozialem Ort, sondern ein Kulturort, der sich und seine Gäste befragt: Was erwarte ich von mir im Museum? Und wer und was soll im Museum welchen Platz erhalten? Ob diese Fragen konsequent genug gestellt sind, das wird sich wohl noch zeigen.

Bis 
06.05.2018
Institutionen Land Ort
Helmhaus Schweiz Zürich
Künstler/innen
A.C. Kupper
Autor/innen
Philipp Spillmann

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