Nachbilder

Eric Bergkraut, Videostill, 2017, Courtesy Gamaraal Foundationwww.last-swiss-holocaust-survivors.ch
 

Eric Bergkraut, Videostill, 2017, Courtesy Gamaraal Foundation
www.last-swiss-holocaust-survivors.ch

 

Klaus Appel, 2007, www.last-swiss-holocaust-survivors.ch, aus der Serie Nachbilder, Schwarzweissfotografie, Courtesy Gamaraal Foundation, Foto: Beat Mumenthaler 

Klaus Appel, 2007, www.last-swiss-holocaust-survivors.ch, aus der Serie Nachbilder, Schwarzweissfotografie, Courtesy Gamaraal Foundation, Foto: Beat Mumenthaler 

Hinweis

Nachbilder

Aarau — Wie in Stein gemeisselt wirken sie, geradezu monumental, die Porträts jener dreizehn Senioren, die der Thuner Fotograf Beat Mumenthaler in überlebensgrossen Schwarzweissaufnahmen auf Papier gebannt hat. Nichts lenkt von ihren bis ins letzte Detail ausgeleuchteten Gesichtern ab. Ein schwarzer Hintergrund schluckt Zeit und Ort, lässt Bilder mit Ewigkeitsanspruch entstehen. Der Mensch als Denkmal seiner selbst, präsentiert im Medium Fotografie. Wie Deus ex Machina tauchen die Dargestellten aus diesem wabernden Nachtschwarz auf. Ins rechte (Blitz-)Licht gerückt überstrahlen sie buchstäblich die Dunkelheit. Ausdrucksstarke Charakterköpfe blicken uns frontal an, mal lächelnd, mal ernst, mal skeptisch. Nur einmal wird der Blickkontakt, der prägende Faktor jeder Porträtaufnahme, verweigert. Dann nämlich, wenn eine Dargestellte ihren Unterarm vor ihr Gesicht legt. Was wie eine schützende Geste erscheinen könnte, ist hier Mahnung. Denn an Stelle ihrer Augen tritt eine fünfstellige Zahl, 71978. Sie wurde ihr im KZ Auschwitz auf den Unterarm tätowiert. Diese Nummer, erinnert sich die 86-jährige Nina Weil, habe sie mehr zum Weinen gebracht als der Schmerz der Tätowierung: «Denn ich hatte meinen Namen verloren.» Auf einer weiteren Aufnahme blickt sie lächelnd in die Kamera. Das Menetekel der KZ-Nummer scheint vergessen. Doch der Schein trügt. Denn was die Holocaustüberlebenden eint, ist das Nicht-Vergessen-Können, ist der durch Tinte eintätowierte und durch Gewalt und Gräuel in Körper und Seele eingebrannte Zwang zur Erinnerung. Heute mehren sich unter den Nachgeborenen wieder jene, die historisch unbeteiligt bleiben wollen, die das Geschehen ausblenden, selektieren, negieren. Das ist tragisch. Besonders angesichts der Tatsache, dass die Betroffenen diese Wahl nie hatten. Ihr Trauma wirkt lebenslang. Angesichts von Antisemitismus und Holocaustleugnung sind die mahnenden Stimmen der Zeitzeugen unverzichtbar. Neben ihrer heroischen fotografischen Inszenierung werden die Überlebenden auch filmisch porträtiert. Eric Bergkraut lässt sie in behaglichem Ambiente auf einer Couch Platz nehmen und erzählen. Augenblicklich wird klar, wie fundamental wichtig es ist, diese Menschen zu Wort kommen zu lassen. Denn angesichts der von ihnen geschilderten, individuell erlittenen Qual scheitert jedes Bild. Da ist die Sprache unverzichtbar. Und auch der Ton, der uns bis in die tiefste Seele berührt.

www.last-swiss-holocaust-survivors.ch
www.gamaraal.org

Bis 
20.05.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Nachbilder 16.03.201820.05.2018 Ausstellung Aarau
Schweiz
CH
Künstler/innen
Eric Bergkraut
Beat Mumenthaler
Autor/innen
Mechthild Heuser

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