Re-Set. Rückgriffe und Fortschreibungen in der Musik seit 1900

Igor Strawinskys Besuch im Disney-Studio Hollywood, Dezember 1939
 

Igor Strawinskys Besuch im Disney-Studio Hollywood, Dezember 1939

 

Mickey Mouse schüttelt dem Dirigenten Leopold Stokowski die Hand. Standbild aus dem Walt-Disney-Film ‹Fantasia›, 1940
 

Mickey Mouse schüttelt dem Dirigenten Leopold Stokowski die Hand. Standbild aus dem Walt-Disney-Film ‹Fantasia›, 1940

 

Besprechung

Die Paul Sacher Stiftung, Archiv und Forschungszentrum für Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, ist Gast im Museum. Unter dem Kürzel ‹Re-Set› lädt sie zu musikalischen Zeitreisen ein. Aufwändig ist die Schau gemacht. Und vor allem auch so, dass jeder mit Musik und den Bildern, die sie evoziert, für sich bleibt. 

Re-Set. Rückgriffe und Fortschreibungen in der Musik seit 1900

Basel — «Auch nach dreimal hundert Jahren wird Schönberg nicht tot sein», formuliert der Komponist Heinz Holliger. «Es mag sein, dass nicht alle Musiker an Gott glauben; an Bach jedoch alle», wird Mauricio Kagel zitiert. Der zeitliche Rahmen ist gross, wenn Musiker auf ihre Referenzen zu sprechen kommen. Die Mehrstimmigkeit der Renaissance findet bis ins aktuelle Kino ihr Echo. Ungebrochen schult Bachs Einfallsreichtum bis heute Interpreten und Komponistinnen. Dauerhaft hat das schlichte Volkslied über Bartók eine Nobilitierung erfahren. Nicht anders als in der bildenden Kunst sind Aneignung und Zitat, sind das Umdeuten, Wiederholen oder Verfremden überlieferter Quellen gängige Verfahren. Dieses Phänomens nimmt sich ‹Re-Set› an. Die Paul Sacher Stiftung legt mit Ausstellung und Katalog ein dichtes Kapitel geleisteter Recherche vor. Ausgehend von hochkarätigen Partituren, Handschriften, Korrespondenzen, Fotografien oder Plattencovers sind Stoffe ausgelegt, die über die Wechselwirkung zwischen Konzertsälen und Populärkultur, über die musikalische Untermalung von Science-Fiction oder auch über den Speicher klanglicher Ideen im handschriftlichen Notat nachdenken lassen. Vielleicht ist ja die Kluft zwischen Konzertsaal und Populärkultur gar nicht so gross? Luciano Berio und Louis Andriessen haben Beatles-Songs fürs klassische Auditorium arrangiert, Strawinskys ‹Sacre du Printemps› rhythmisiert einen Teil des Disney-Films ‹Fantasia›, 1940, und ‹A Space Odyssey›, 1968, hätte ohne den grossräumigen Soundtrack von Giörgy Ligety nicht die eindringliche Tiefe, die Stanley Kubrick zu einem Meister seines Genres erhob. Wie lässt sich Musik zeigen? Der abgedunkelte Raum lädt zu individuellen Entdeckungsreisen ein: iPads mit Kopfhörern vertiefen mit Interviewmitschnitten, Kommentaren und kurzen Einspielungen das Lesen ausgestellter Originale. Auch wenn man laufend zu entscheiden hat, ob man sich dem jeweiligen Seh- oder Hörerlebnis zuwendet – und uns der Ton akustisch isoliert und die Musik ein individuelles Erlebnis bleibt: Die Exponate erlauben einen intensiven Tauchgang in die Musikgeschichte, sind Gerüst einer Erzählung, die vom monastischen Gesang bis nach Hollywood, von Minimal-Kompositionen zurück zum Musical der Zwischenkriegsjahre führen kann. Das braucht Zeit. Der «kunsthistorische Prolog», der mit Marcel Duchamp einen Brückenschlag zur Musikgeschichte versucht, verlangt eine andere Aufmerksamkeit. Varianten seines Urinoirs oder den artifiziellen Wald aus Flaschentrocknern von Bethan Huws schauen wir ein andermal wieder gerne länger und genauer an.

Bis 
13.05.2018
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
RE-SET 28.02.201813.05.2018 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Autor/innen
Isabel Zürcher

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