Ansichten — La terre est malade!!!

Auguste Roubille · Conjecture selenite, in: La Baïonette, Nr. 175, 7.11.1918

Auguste Roubille · Conjecture selenite, in: La Baïonette, Nr. 175, 7.11.1918

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Diesen Juli ist es so weit: 50 Jahre Mondlandung. Das Jubiläum wird in zahlreichen Magazinen, Dokumentationen und Ausstellungen gefeiert. So widmen sowohl das Kunsthaus Zürich mit ‹Fly me to the Moon› als auch das Kunstmuseum Bern mit ‹Clair de Lune› dem Erdtrabanten eine Schau.

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Über Jahrhunderte hinweg wurden sehnsuchtsvolle Blicke zum Mond gerichtet und in Kunstwerke gebannt. Dabei war – das findet seltener Beachtung – auch die umgekehrte Perspektive weit verbreitet: der Blick vom Mond zur Erde. Als Strategie des «Othering» lässt Voltaire schon 1752 einen Ausserirdischen namens Micromégas zur Erde reisen. Befremdet über die irdischen Kriege, hält er einen Schlussmonolog, der sein Unverständnis zum Ausdruck bringt. Dabei ahnt Voltaire freilich noch nichts von den Dimensionen kommender Kriege, namentlich der beiden Weltkriege. 166 Jahre später, im November 1918, sind die Menschen gebeutelt und traumatisiert vom «grossen Krieg», dem bis dahin verlustreichsten Konflikt der Geschichte. Auf den Irrsinn der «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts» Bezug nehmend, erscheint am 7. November eine Ausgabe der französischen Satirezeitschrift ‹La Baïonette› unter dem Motto ‹La Guerre vue des autres Planètes›. Wie schon Mikromégas können auch die imaginierten Aus­serirdischen um 1918 die Gräuel des Krieges nicht nachvollziehen. So prangt auf der Titelseite des Magazins der Ausruf: «La terre est malade!!!» Endlich, am 11. November 1918, gerade vier Tage nach Erscheinen des Hefts, werden im Waffenstillstand von Compiègne die Kriegshandlungen beendet – ein grosses Aufatmen geht um den Globus. Aus heutiger Sicht scheint besonders die letzte Illustration des Hefts einer näheren Betrachtung wert. Hier beobachten zwei Mondbewohner mit Fernrohren die Erde, die lichterloh in Flammen steht. Die zwei grünen Gestalten versuchen, das Beobachtete zu begreifen. Eine von ihnen vermutet: «C’est, pour moi, de grands feux allumés par les terriens pour retarder le refroidissement de leur planète.» Warum aber sollten die Erdbewohner eine Auskühlung ihres Planeten fürchten? Tatsächlich ist die Sorge, der Planet könnte erkalten, seit dem 19. Jahrhundert weit verbreitet. Die damalige Forschung geht davon aus, dass das Erlöschen der Sonne in einigen Millionen Jahren das Erkalten der Erde zur Folge haben und alles Leben auf ihr verunmöglichen würde. Obwohl diese Gefahr noch immer droht, wirkt sie heute eher befremdlich. Das Ausbrennen der Sonne in etwa fünf bis sieben Milliarden Jahren erscheint angesichts des anthropogenen Klimawandels kaum noch beachtenswert. Das kollektive Krisenbewusstsein hat sich auf die Folgen der Erderwärmung verschoben, während sich der Zukunftshorizont drastisch verkürzt hat: Einige Forscher geben der Menschheit noch hundert Jahre, andere – darunter Bruno Latour – fürchten das Risiko eines klima­bedingten Krieges aller gegen alle.

Jana Bruggmann ist Doktorandin an der Freien Universität Berlin und freie Autorin. bruggmann@artlog.net

 

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Fly me to the Moon. 50 Jahre Mondlandung 05.04.201930.06.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
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Jana Bruggmann

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