Christine Streuli — Deus ex Pictura

Gib mir mehr 02, 2019, Mixed Media auf Leinwand, 300 x 230 cm, Courtesy Galeria Filomena Soares, Lissabon/Portugal. Foto: Frank Wurzer

Gib mir mehr 02, 2019, Mixed Media auf Leinwand, 300 x 230 cm, Courtesy Galeria Filomena Soares, Lissabon/Portugal. Foto: Frank Wurzer

Wandmalerei, 2019, Mixed Media direkt auf der Wand, 300 x 4000 m, Raumansichten, Neues Bildungszentrum Uster, Courtesy Kunstsammlung Kanton Zürich. Foto: Frank Wurzer

Wandmalerei, 2019, Mixed Media direkt auf der Wand, 300 x 4000 m, Raumansichten, Neues Bildungszentrum Uster, Courtesy Kunstsammlung Kanton Zürich. Foto: Frank Wurzer

Wandmalerei, 2019, Mixed Media direkt auf der Wand, 300 x 4000 m, Raumansichten, Neues Bildungszentrum Uster, Courtesy Kunstsammlung Kanton Zürich. Foto: Frank Wurzer

Wandmalerei, 2019, Mixed Media direkt auf der Wand, 300 x 4000 m, Raumansichten, Neues Bildungszentrum Uster, Courtesy Kunstsammlung Kanton Zürich. Foto: Frank Wurzer

Fokus

Die Malerei wurde auch schon als untoter Zombie beschrieben. Bei Christine Streuli kommt noch ein Pinselstrich dazu, wie ihn fast nur King Kong malen könnte. Er ist derzeit im Kunst­museum Winterthur zu sehen und wird im nächsten Villa Bleuler Gespräch zur Diskussion gestellt. 

Christine Streuli — Deus ex Pictura

«Ich weiss nicht, was Malerei ist, ich kenne nur ihren Preis.» In dieser eigenen Umformulierung macht der Titel von René Polleschs neuem Stück – «Ich weiss nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis» (2019) – plötzlich mehr Sinn. Was Malerei alles ist, entzieht sich doch immer wieder einer einfachen Definition. Dafür steht ihr Preis oft unverhandelbar schwarz auf weiss auf einer Liste, oder er errechnet sich unmissverständlich aus Leinwandgrösse mal Bekanntheitskoeffizient der Maler/in. Jedenfalls greift bei René Polleschs Stück eine riesige, mit Leder ausgeschlagene, King-Kong-artige Hand in die Szene ein. Ein Sofa für die drei Schauspieler/innen, aber auch ein Pars pro Toto für einen Deus ex Machina. Ein Körperteil, der für ein Ganzes steht, für die Instanz, die im Theater seit den Griechen immer mal wieder eingreift, wenn es sonst nicht mehr weitergeht, wenn der Plot verloren scheint. «René Pollesch hat einmal gemeint, dass man so etwas wie ‹Ich liebe dich› eigentlich gar nicht sagen kann. Vielleicht versuche ich seit jeher, mit meiner Malerei unmögliche Sachen zu sagen. Wie zum Beispiel ‹Ich liebe dich›», erklärt Christine Streuli (*1975). Während der Theaterautor René Pollesch dafür – um irgendwie doch noch «Ich liebe dich» zu sagen – eine riesige Hand baut, sagt es die Malerin Streuli mit riesigen Gesten. Die massstäblich etwa von einer so grossen Hand wie in Polleschs Stück hätten auf die Leinwand oder die Wand gebracht werden müssen. Zum Beispiel für eine neue Arbeit in der Gruppenausstellung ‹Frozen Gesture› im Kunstmuseum Winterthur: Wie Christine Streuli das schon öfter getan hat, etwa in ‹Revolution› im Kunstmuseum Luzern 2013, opfert sie bestehende, eigentlich autonom funktionierende – und gut vermarktbare – Werke für eine neue Installation. Sie verdeckt sie, übermalt sie, aber nur quasi, denn diesmal verwendet sie nicht Schablonen, um die riesigen Pinselstriche darüber aufzubauen, sondern lässt diese auf Folie drucken und klebt sie auf die anderen Arbeiten und auf die Wand. Es ist dennoch gut vorstellbar, dass im Kunstmuseum Winterthur eine Hand à la Pollesch richtiggehend über die zwei Arbeiten geschmiert hat, mit fahrigem Pinselstrich à la King Kong. An Grösse übertroffen wird sie nur noch von jener Hand, die nötig wäre, um die Pinselstriche auf einem 3 mal 40 Meter grossen Wandbild im neuen Bildungszentrum in Uster zu malen. Ist es vielleicht die Hand des Deus ex Machina, die hier von oben ins Kunstmuseum eingreift, um eigenhändig die Malerei zu retten? Im griechischen Theater sorgt der Kunstgriff des Deus ex Machina – des Gottes aus der Kulissentechnik – dafür, dass eine scheinbar ausweglose Situation doch noch gelöst werden kann. Ist die Malerei – oder die bildende Kunst an sich – derart verfahren, dass nur noch ein von der Regie oder von den Kurator/innen herbeigezauberter Gott Rettung bringen kann?Vielleicht ist alles gar nicht so dramatisch. Dass die Malerei stirbt, glaubt ohnehin niemand mehr. Es ist vielmehr so, dass sich das Gerücht, bildende Kunst sei automatisch immer Malerei, hartnäckig hält. Adam Szymczyk hat zudem die Malerei in einer Besprechung für Artforum eher mal als untot und zombiehaft beschrieben. Und am Ende ist es ja eben kein Gott – oder Malerfürst, vielleicht das künstlerische Äquivalent von Gott –, der hier eingreift, sondern die in Bern geborene und in Berlin arbeitende Künstlerin Christine Streuli. Mit ihrer Maschinerie, immerhin, mit Assistent/innen, mit Schablonen, Folien, mit Spray und all den Utensilien, die sie benötigt, um die Illusion von monströsen Pinselhieben herzustellen. «Meine Malerei ist ein vages Hin und Her zwischen den verschiedenen Oberflächen, der Illusion und dem wahren Versuch – und dem Scheitern –, überhaupt irgendeine Geste zu tun», so Christine Streuli.

Die Sprengkraft eingefrorener Gesten
Der Illusion, wie im Theater, genau. Denn niemand wird ernsthaft glauben, dass diese Pinselstriche von einem übergrossen Pinsel stammen. Genauso wenig wie bei den ‹Brushstrokes› von Roy Lichtenstein, auf die sich Christine Streuli bezieht und die auch in der Ausstellung in Winterthur eine Rolle spielen. Genauso wenig, wie wir an die Dei ex Machina im griechischen Theater wirklich glauben. Wir sind einfach froh, dass sie da sind, damit es irgendwie weitergeht. Damit wir eben doch noch irgendwie sagen können «Ich liebe dich»? Roy Lichtensteins ‹Brushstrokes› entstanden ab 1965 und «verwandelten die subjektive Geste der heroischen Moderne in eine triviale Comic-Zeichnung», wie es im Begleittext zur Winterthurer Ausstellung heisst. Was machen Christine Streulis Pinselstriche heute? Die subjektive Geste der heroischen Moderne kann durchaus auch heute noch angefochten werden. Wobei die Frage ist, ob nicht auch Künstlerinnen wie Christine Streuli einen gewissen subjektiven Heroismus reproduzieren, indem sie etwa kollaborativ arbeiten, aber am Ende doch als einzige Autorinnen feststehen. Könnte es dafür sein, dass gerade die Künstlichkeit der ganz eigentlich dekonstruierten Pinselstriche eine Botschaft enthält? Malerei ist immer Betrug, könnten sie sagen. Genauso wie die grossen, inhaltsleeren Gesten, mit denen Politiker/­innen heute Wahlkämpfe gewinnen. Und auf einen Deus ex Machina dürfen wir nicht warten, der schon alles richtet und schaut – blinder Fortschrittsglaube! –, dass es vorwärtsgeht. Vielmehr sollten wir aus unserer «gefrorenen Geste» auftauen – und «Revolution» machen. Denn sonst wird die Aussage «Ich liebe dich» wirklich irgendwann zur genauso künstlichen Geste wie die vorgeführten Pinselstriche in Christine Streulis Malerei.

Daniel Morgenthaler, freier Autor und Kurator Helmhaus Zürich, dani_moergi@hotmail.com.

→ ‹Frozen Gesture›, Kunstmuseum Winterthur, 18.5.–18.8. ↗ www.kmw.ch
→ ‹Villa Bleuler Gespräch›, Shirana Shahbazi und Christine Streuli im Gespräch mit Katharina Mora­wek (Co-Direktorin INES – Institut Neue Schweiz) und Daniel Morgenthaler (Kurator Helmhaus), Begrüssung Katharina Ammann (SIK-ISEA), eine Kooperation von SIK-ISEA und Kunstbulletin, SIK-ISEA/Villa Bleuler, Zollikerstr. 32, Zürich, 21.5., 18.30–20 Uhr, anschliessend Apéro ↗ www.sik-isea.ch

Bis 
18.08.2019
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ortabsteigend sortieren Land
Frozen Gesture 18.05.201918.08.2019 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Daniel Morgenthaler
Künstler/innen
Christine Streuli

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