Dieter Roth, Franz West

Dieter Roth · Back Cloth (mit Björn Roth), 1986/1989, 3 Teile: Acrylfarbe, Leim, bedrucktes Tuch (Duvetanzug) auf Rahmen, 200,8 x 160,5 cm, Courtesy Hauser & Wirth

Dieter Roth · Back Cloth (mit Björn Roth), 1986/1989, 3 Teile: Acrylfarbe, Leim, bedrucktes Tuch (Duvetanzug) auf Rahmen, 200,8 x 160,5 cm, Courtesy Hauser & Wirth

Franz West · Allzweckkasten (Multi-purpose box), 1998, Holz, Räder, Gaze, Gips, Farbe, Polyester, 108 x 78 x 54 cm. Foto: Stefan Altenburger

Franz West · Allzweckkasten (Multi-purpose box), 1998, Holz, Räder, Gaze, Gips, Farbe, Polyester, 108 x 78 x 54 cm. Foto: Stefan Altenburger

Hinweis

Dieter Roth, Franz West

Zürich — Manchmal durchquere ich einen Park mit hohen alten Bäumen, der seitlich von einem zweigeschossigen Pavillongebäude begrenzt wird. Es ragt in das Grün hinein und gewährt unverhohlen Einblicke in das Leben seiner Bewohner. Sie kommen von überall her. Die gläserne Fassade stellt sie aus wie in einem Setzkasten. Trotz bescheidener Mittel sind Menschen oft überaus kreativ darin, sich vor neugierigen Blicken zu schützen. So improvisieren sie fehlende Vorhänge durch buntgemusterte Bettbezüge oder hängen Kleidungsstücke als Blickblende in die Fenster. Heraus kommt ein faszinierendes Patchwork an Formen und Farben, besonders bei Nacht. Ist das nun Kunst oder Elend, oder beides? Genau dieses zweischneidige Gefühl beschleicht die Besucher angesichts der Werke von Dieter Roth (1930–1998) und Franz West (1947–2012), die derzeit bei Hauser & Wirth ausgestellt sind. Sie sind grossartig, keine Frage, aber sie machen beklommen und lassen die Gedanken ganz schnell abschweifen in eine Realität, die wir gemeinhin als kunstfern bewerten: Armut, Elend, Müll, Verfall. Sie kratzen an der gutbürgerlichen Fassade der herausgeputzten Mittelschicht. Sie halten sich das Publikum augenzwinkernd vom Hals. Oder wer will sich schon einen schlampig gerahmten, mit Farbe bekleckerten und mit einem Zipfel aus dem Format herausragenden Bettbezug – Dieter Roth with Björn Roth ‹Back Cloth›, 1986/89 – ins traute Heim hängen? Etwa ins Schlafzimmer? Wohl kaum. Obwohl das Werk eine ganz eigene Ästhetik entwickelt im Dialog zwischen vorgedrucktem Dekor und händischer Bemalung durch den Künstler. Aber die Idee von Perfektion wird in vielfacher Hinsicht untergraben. Dafür rückt der Reiz der Patina in den Vordergrund. Dieter Roth und Franz West nehmen die übersättigte Wohlstandsgesellschaft aufs Korn und halten ihr die Kehrseite vor Augen. Das ist der Preis, den die Konsumgesellschaft zu zahlen hat. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Obwohl die in der Zürcher Galerie museal ausgestellten, historischen Werke aus den Siebziger- bis Neunzigerjahren datieren, haben sie von ihrer ursprünglichen, freakigen Sprengkraft angesichts der globalen Anfechtungen des menschlichen Daseins bis heute nichts von ihrer Wirkung eingebüsst . Weder in ästhetischer noch in sozialer Hinsicht. Beide Künstler, die sich kannten und schätzten, aber nie gemeinsam arbeiteten, erscheinen wie Wahlverwandte: Bürgerschreck und beissende Ironiker in einem, mit ausgeprägtem Hang zum Morbiden, was in Österreich zu den Landestugenden zählt, in der Schweiz aber schnell irritiert.

Bis 
04.05.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Dieter Roth and Franz West 15.03.201904.05.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Mechthild Heuser
Künstler/innen
Dieter Roth

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