Karin Lehmann — Das Funkeln in den Augen, das Material in der Hand

Jetztmensch, 2015, Polymergips, Pigment, USB-Stick, 95 x 80 x 80 cm und 200 x 99 x 99 cm, Dienstraum Bahnhof Olten

Jetztmensch, 2015, Polymergips, Pigment, USB-Stick, 95 x 80 x 80 cm und 200 x 99 x 99 cm, Dienstraum Bahnhof Olten

Karin Lehmann, Atelieraufnahme, 2019. Foto: Chris Däppen

Karin Lehmann, Atelieraufnahme, 2019. Foto: Chris Däppen

Sediment Sampling, 2014, ungebrannter Ton, Wasser, Dimension variabel, Installationsansicht FAK, Münster

Sediment Sampling, 2014, ungebrannter Ton, Wasser, Dimension variabel, Installationsansicht FAK, Münster

Fokus

Das Handwerk der Keramikerin perfektionierte Karin Lehmann in der berühmten Manufaktur von Margrit Linck. Seitdem experimentiert die Künstlerin mit unterschiedlichen Materialien und lässt aus geplanten Prozessen Zufälliges entstehen. Aktuell sind einige ihrer neuesten Arbeiten im Kunstmuseum Olten in der Ausstellung ‹Linck. Reloaded› zu sehen. Dass sie mit viel Neugier und Humor an das künstlerische Schaffen herangeht, ist nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar. Ein Besuch in ­ihrem Atelier in Bern.

Karin Lehmann — Das Funkeln in den Augen, das Material in der Hand

«Oft ist es so: Ich probiere etwas aus, es misslingt, wodurch dann aber etwas viel Spannenderes entsteht, das ich gar nicht beabsichtigt hatte.» So beschreibt Karin Lehmann ihre Arbeitsweise – mit einem Funkeln in den Augen und einem Schmunzeln auf den Lippen, was ihre Freude am Ausprobieren, am Hantieren mit Materialien deutlich spürbar macht. Aus einem geplanten Prozess etwas Zufälliges entstehen lassen: So würde die Rezeptur für das Schaffen der Berner Künstlerin wohl lauten. Aus diesem vermeintlichen Widerspruch resultierten bereits zahlreiche Arbeiten, etwa die raumgreifende Installation ‹Black edged›, die 2013 im Aargauer Kunsthaus ausgestellt war. Dafür russte die 38-Jährige mehrere dünne Glasscheiben mit einer Fackel an, so lange, bis sie zersprangen. Dabei entstand eine zufällig-gezackte Form, die ebenso wenig planbar war wie der Moment des Auseinanderbrechens selbst. «Als ich einmal mit einer Kerze eine kleine Glasscheibe schwärzte, ist diese plötzlich zersprungen und hat eine wunderschön gezackte Kante hinterlassen. Das hat mich interessiert und dazu bewogen, den Vorgang in einem grösseren Format nachzuspielen.» Während Karin Lehmann erzählt, kann man sie sich bildlich bei der Arbeit in ihrem geräumigen Atelier vorstellen, einer ehemaligen Schmiede aus den Vierzigerjahren; wie sie zwischen den industriellen Kränen und den vollgestellten Metallregalen eine Glasscheibe nach der anderen auf dem Tisch positioniert, um dann mit der brennenden Fackel mit langsamen Bewegungen über die Scheibe zu fahren, hin und her, vor und zurück, bis das Glas der Hitze nicht länger standhält. Doch die Künstlerin verändert Materialien nicht nur aktiv, sondern überlässt ­diese auch deren chemischen und physikalischen Vorgängen. Für die Installation ‹Sediment Sampling›, die 2014 im Förderverein für aktuelle Kunst in Münster zu sehen war, füllte Karin Lehmann ungebrannte Tongefässe mit Wasser und platzierte sie auf dem Boden des Ausstellungsraums. Innerhalb weniger Stunden lösten sie sich auf; das Ergebnis waren Rudimente, die beinah im Boden zu versinken schienen und so eins wurden mit dem Raum. «Mich fasziniert das Prozesshafte, die Tatsache, dass sich etwas immer wieder verändert», erzählt sie. «Ich habe schon Randensaft an die Scheiben des Pasquart in Biel gestrichen, der durch das Licht verblich, oder Styropor statisch aufgeladen und an die Wände der Stadtgalerie Bern angebracht, das dann nach und nach abfiel.»

10’000 Stunden üben
Dabei wird nicht nur Karin Lehmanns Experimentierfreude deutlich, sondern auch ihr tiefes Verständnis für die verwendeten Materialien. Das Arbeiten mit unterschiedlichen Stoffen habe ihr schon immer gefallen. Am Anfang habe sie vor allem Gips verwendet, ein einfaches und günstiges Material, das viel Spielraum für Experimente offenlässt. Später arbeitete sie auch mit Glas, Metall oder Ton. «Ich gehe immer vom Material aus, fasse es gerne an, spüre, wie es sich anfühlt und verhält», sagt Karin Lehmann, während sie Bewegungen mit den Händen macht, als ob sie eine unsichtbare Masse kneten würde. Nach der Fachklasse für Keramikdesign an der Schule für Gestaltung Bern ­arbeitete Lehmann zwei Jahre in der Keramikmanufaktur Linck, wo sie das Drehen erlernte. «Bereits während meiner Ausbildung wurde mir bewusst, wie komplex das Arbeiten mit Keramik ist», sagt sie. «Das wurde mir in der Manufaktur nochmals vor Augen geführt. Das Drehen auf der Scheibe ist eine Kunst für sich. Hinter dem, was so einfach aussieht, steckt jahrelange Übung.» Dies versuche sie heute den Studierenden der Berner Hochschule der Künste zu vermitteln, wo sie seit vier Jahren als Assistentin in der Keramikwerkstatt tätig ist. «Ich möchte ihnen aufzeigen, dass man eben nicht alles ‹hurti hurti› kann, sondern, um es mit den Worten des Soziologen Richard Sennett zu sagen, manchmal auch 10’000 Stunden üben muss, bis man ein Handwerk beherrscht.»

Mit einem Augenzwinkern
Eine Reminiszenz an ihre Arbeit in der Manufaktur Linck ist die Installation ‹Töpferei›, die bis Mitte Mai im Kunstmuseum Olten zu sehen ist. Im Rahmen der Ausstellung ‹Linck. Reloaded› treten neben Karin Lehmann die Künstlerinnen Selina Baumann und Irene Schubiger in den Dialog mit dem Œuvre der Schweizer Keramikerin Margrit Linck. In einem der Räume trällern die Stimmen von Popsängerinnen und Rockmusikern aus einem Radio, das Karin Lehmann während der Arbeit in der Töpferei stets ein treuer Begleiter war. An der Wand lehnt zudem ein grosser Bierdeckel – als überdimensioniertes Monument für ein alltägliches Objekt, das Töpferinnen und Töpfern seit Jahrzehnten als Hilfsmittel dient. Auf die Fertigkeiten des Handwerks, die oft in Vergessenheit geraten, spielt augenzwinkernd auch die Arbeit ‹Das Blinzeln des Fischs› an. Es handelt sich dabei um eine Reihe von spanähnlichen Objekten aus Keramik, die in mehreren Vitrinen ausgelegt sind. «Die Späne entstehen durch das Abdrehen, ein Prozess, mit dem man beispielsweise den Boden eines Gefässes formt», sagt Karin Lehmann. «Obwohl das Abdrehen ein wichtiger Schritt ist, bleibt es meist unsichtbar.»

Sinnliche Erfahrung
«Durch meine Arbeit in ihrer Manufaktur kenne ich die Arbeit von Margrit Linck schon lange», fährt die Künstlerin fort. «Sie hatte ein wahnsinnig gutes Gespür für Farben und Formen. Da sie selbst nicht drehen konnte, skizzierte sie jeweils ihre Gefässe und liess die Entwürfe dann von Töpferinnen und Töpfern umsetzen.» Von dieser fast bildhauerischen Herangehensweise, wie Karin Lehmann sie beschreibt, unterscheide sich die ihre jedoch grundlegend. «Ich experimentiere viel mehr, plane weniger. Ich muss immer einen Raum vor Augen haben, von dem ich ausgehen und mich inspirieren lassen kann. Ich finde es spannend, wie man mit seinem eigenen Körper Bestandteil einer Installation wird. So entsteht eine sinnliche Erfahrung, die mir sehr gut gefällt.» Diese sinnliche Erfahrung setzte Karin Lehmann 2016 mit der Arbeit ‹Cyan Sojourn› in der Kunstplattform akku in Emmen um, einer Installation, die nun auch im Kunstmuseum Olten zu sehen ist. Vier grosse Gipsplatten hingen damals an einer 26 Meter langen Stahlschiene und konnten durch den Raum bewegt werden, wodurch sich dieser stetig veränderte. So gestaltet Karin Lehmann Werke, die einen Bezug zu den Betrachterinnen und Betrachtern herstellen. Ein Beispiel dafür ist denn auch die Arbeit ‹Jetztmensch›, die momentan am Bahnhof in Olten auf Gleis 7 zu sehen ist: zwei überdimensional ­gros­se Töpfe aus Polymergips, die mit ihren niedlichen Gesichtern die Passantinnen und Passanten beobachten. «Sie schauen so dümmlich auf den Perron hinaus und stehen dort, als ob sie auf den Zug warten würden», sagt Karin Lehmann und lacht. «Humor ist mir sehr wichtig in meiner Arbeit. Wenn ich schon kein Geld mit meiner Kunst verdiene, muss es wenigstens Spass machen.» Momentan habe sie allerdings die Nase voll von «Töpfen» und möchte wieder räumlicher arbeiten. Wo sie das hinführe, wisse sie noch nicht. Die Antwort auf diese Frage findet sie vielleicht beim nächsten Experiment.

Giulia Bernardi ist freie Autorin und Kunsthistorikerin. giulia.bernardi@outlook.com

→ ‹Linck. Reloaded. Margrit Lincks künstlerisches Werk im Dialog mit Arbeiten von Selina Baumann, Karin Lehmann und Irene Schubiger›, Kunstmuseum Olten, bis 12.5. ↗ www.kunstmuseumolten.ch
→ ‹Villa Bleuler Gespräch›, Karin Lehmann und Florian Graf sprechen über Innenleben und Aussenwirkung ihrer Objekte mit Giulia Bernardi (Autorin Kunstbulletin) und Ines Goldbach (Direktorin Kunsthaus Baselland), Begrüssung Katharina Ammann (SIK-ISEA), eine Kooperation von SIK-ISEA und Kunstbulletin, SIK-ISEA/Villa Bleuler, Zollikerstr. 32, Zürich, am 30.4., 18.30–20 Uhr, mit Apéro
www.sik-isea.ch

Bis 
12.05.2019

Karin Lehmann (*1981, Bern), lebt in Bern
1998–2002 Fachklasse Keramikdesign, Schule für Gestaltung, Bern
2006–2009 Bachelor of Fine Arts, Hochschule der Künste, Bern
2010–2012 Master in Contemporary Arts Practice, Hochschule der Künste, Bern
Seit 2014 freischaffende Künstlerin und Assistentin der Werkstatt für Keramik an der Hochschule der Künste, Bern

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 ‹Wiedergänger›, Seventeen Gallery, London
2014 ‹Sediment Sampling›, Förderverein für aktuelle Kunst, Münster
2013 ‹Skulpturen›, Kunsthaus Pasquart, Biel
2013 ‹Caravan. Ausstellungsreihe für junge Kunst›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2010 ‹Scratching on the surface of this smelly old bone›, Milieu, Bern

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 ‹chaque wind-GenÄir8töZ›, Body & Soul, Genf
2016 ‹Karin Lehmann, Hugo Suter: Flotsam›, akku Kunstplattform, Emmen
2015 ‹In the land of the blind›, Dittrich & Schlechtriem, Berlin; ‹Stoneroses›, Grünewald, Berlin
2014 ‹Dallas Biennial›, Dallas
2012 ‹We love you›, Limoncello Gallery, London
2011 ‹Was bleibt›, Stadtgalerie, Bern

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ortabsteigend sortieren Land
Linck. Reloaded 10.03.201904.08.2019 Ausstellung Olten
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi
Künstler/innen
Karin Lehmann

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