Miriam Cahn — Das nackte Bild

liebenmüssen, 21./27.5. + 21.6. + 24.9.2017, Öl auf Holz, Grazyna Kulczyk Collection

liebenmüssen, 21./27.5. + 21.6. + 24.9.2017, Öl auf Holz, Grazyna Kulczyk Collection

liebenmüssen, 30.5.2017, Pastell auf Papier, 60 x 83 cm. Foto: Stefan Jeske

liebenmüssen, 30.5.2017, Pastell auf Papier, 60 x 83 cm. Foto: Stefan Jeske

rufen, 26.1.2017, Pastell auf Papier, 57 x 83 cm, Courtesy Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe. Foto: Stefan Jeske

rufen, 26.1.2017, Pastell auf Papier, 57 x 83 cm, Courtesy Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe. Foto: Stefan Jeske

Ich als Mensch, 2019, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Bern

Ich als Mensch, 2019, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Bern

Blau, 21.7.2017, Öl auf Leinwand, 280 x 225 cm, Courtesy Galerie Jocelyn Wolff, Paris und Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe

Blau, 21.7.2017, Öl auf Leinwand, 280 x 225 cm, Courtesy Galerie Jocelyn Wolff, Paris und Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe

gezeichnet, 22.2.2017, Öl auf Holz, 160 x 90 cm, Courtesy Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe. Foto: Stefan Jeske

gezeichnet, 22.2.2017, Öl auf Holz, 160 x 90 cm, Courtesy Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe. Foto: Stefan Jeske

Portrait Miriam Cahn

Portrait Miriam Cahn

Fokus

Einfach ‹schön› heisst das Bild, auf dem Mann und Frau vor fahlem Horizont sich aneinander vergreifen. Mit Faust und erigiertem Glied gehen sie ‹am strand› aufeinander los. Unbefriedet ist die Menschheit, und mit Altersmilde – so zeigt sich rasch in der Berner Ausstellung – ist nicht zu rechnen bei Miriam Cahn. Wer hätte das auch erwartet. Empörung bleibt der Motor ihrer Kunst und Zärtlichkeit deren Grundierung.

Miriam Cahn — Das nackte Bild

Miriam Cahn malt die Ohnmacht hinter dem Schweigen. Sie malt ‹liebenmüssen›, malt ‹tötenmüssen›, malt ‹äffin›, ‹Hände hoch!› oder ‹alte kriegerinich›. Unerschrocken geht sie schon lange selbst ins Bild und ringt ihrem Körper Ansichten des Begehrens wie des Todes ab. Seit den Siebzigerjahren hat sie ihr Frau- und ihr Menschsein dem Papier, dann auch der Leinwand anvertraut. Dabei greift sie die Verharmlosung von Kriegen an und lehnt sich, auch schreibend, gegen Anpassung und jede gesättigte Gleichgültigkeit auf. In expressiven Zügen gibt ihr Kohlestaub in den Achtzigerjahren der Angst Gestalt und dem Alleinsein eine Sprache. Bilder der Flucht holen sie ein, bunt erblüht der Atompilz. Auch das Fatale ist unheimlich schön.

Gegen die Historisierung
Es ist keine Retrospektive, mit der Miriam Cahn die Einladung des ­Kunstmuseums Bern beantwortet. Es ist eine grosse Installation und ein Manifest, das den Bogen grosszügig über vier Jahrzehnte spannt. Wenn die Künstlerin zwischen ältere Bleistift- und Kohlezeichnungen auch Scans, Pastelle und Aquarelle neueren Datums einführt, widerspricht sie entschlossen der Historisierung ihrer eigenen Arbeit. Nein: Die wandgrossen Zeichnungen von damals – 1983 ausgestellt in der Kunsthalle ­Basel – bedienen hier nicht die Erinnerung an ein vorübergehendes oder gar zeit­typisches Aufbegehren. Nein: In der Gesamtschau sind Mensch, Tier und Architekturen, eruptiv aufs Papier übertragen und randabfallend im Heft hinterlegt, nicht die Bemusterung einmal geglückter Bildideen. Unerbittlich im Protokoll des Alterns und in Rage gegenüber dem Zustand der Welt, filtert das nackte Bild den düsteren Strom realpolitischer Tatbestände. Ihre Türme des World Trade Center überschatteten in den frühen Achtzigerjahren noch aufrecht die geduckte Familie. ‹Atombomben› gingen der Nuklearkatastrophe von Fukushima um Jahre voraus. Das Weltgeschehen hat ein subjektives, feministisch getriebenes Erleben eingeholt, das einmal scheinbar ungestüm und allein die Tektonik männlich definierter Macht ankreidete.

Cahn wird klassisch
Wir lesen heute Miriam Cahn anders als noch vor zwanzig oder dreissig Jahren: Die universitäre Kunstgeschichte liess damals das Zeitgenössische im Allgemeinen und Künstlerinnen im Besonderen vermissen. Umtriebige Kolleginnen nahmen sich in Basel dieser Lücke an. In ‹Nicht nur Körper› (Verlag Lars Müller 1997) erfuhr auch ich von Cahns gezielter Distanzlosigkeit und von ihrer Bereitschaft, am Boden mit ganzem körperlichem Einsatz die Kontrolle über entstehende Bilder aufzugeben. ‹Mein Frausein ist mein öffentlicher Teil› hatte Miriam Cahn 1979 kurz in Polizeigewahrsam geführt – mehr noch als mit ihren unbewilligten Zeichnungen nach einer nächtlichen Malaktion auf dem rohen Beton eines Autobahnpfeilers verknüpfte ich diese Aussage mit dem Arbeitsrhythmus; Cahn gestaltete ihn in Rücksicht auf ihren Menstruationszyklus. Es ist noch nicht sehr lange her: Die Weiblichkeit war dominant im Blick auf Künstlerinnen, wobei deren selbstbestimmte Wege zwischen Kohlestaub und Pickelporno ermutigten: weil sie ganz direkt, unverschämt und gelegentlich kokett stereotype Bilder unterwanderten. Das Frausein bleibt anwesend in Miriam Cahns immer sinnlicher Gegenwartsanalyse. Doch es ist der zartbittere Traum des Menschseins schlechthin, der museumsreif geworden ist. Zu dieser Perspektive hat auch die Beteiligung an der documenta 14 beigetragen. Wenn in der vom Museum in Warschau verantworteten Publikation heute neben der Berner Kuratorin Kathleen Bühler auch die documenta-Verantwortlichen Adam Szymczyk, Marta Dziewańska oder Paul B. Preciado zu Wort kommen, löst sich zum Beispiel der Basler Gerichtsfall aus der lokalen Anekdote. Im Licht kolonialer Machtgefälle und Migrationsbewegungen auch der Kategorie Geschlecht erscheint Cahns frühe Aktion als Zeichen eines dringenden und nachhaltigen Druckausgleichs.

Schlachtfeld im musealen Licht
Man sieht sich um in Bern und denkt an den ‹Schrei› von Edvard Munch. Man streift die Erinnerung an die vereinzelten Konturen eines Karl Balmer und sieht Madonnen, intensiv durchblutet. Auch in Klein überlebt die Rückhaltlosigkeit der expressiven zeichnerischen Anfänge. Frontal nimmt uns Cahns vielteiliges ‹Guernica› in die Pflicht – wobei einem auch jüngere Maler wie Andriu Deplazes in den Sinn kommen, der das Hinausgeworfensein jenseits von weiblicher Identität oder jüdischer Verwurzelung zum Thema macht. Dabei gibt es in allem akutem Ernst auch Pointen des Humors. Im Treppenhaus des historischen Museumsbaus kommt es zu einer geradezu kuriosen Zusammenkunft. In dem von grauem Stein gefilterten Oblicht sind die Nischen der historisierenden Kuppel mit Büsten besetzt. Die Gründer, Erbauer und Förderer von Berns Stätte der Kunst überblicken von hier Cahns ‹Schlachtfeld/Alterswerk›, 2012: Stock und steif wie seit je werden die Herren zu Zeugen wechselnder Einstellungen, in denen Cahn auf mehreren Flachbildschirmen ihren Körper mit Prothesen aus Plastilin interagieren lässt: Sie greift nach ihrer nachgeformten Hand. Als gehörte es zu ihr, ertastet sie ein männliches Glied. Ihre Brust reicht sie einer Maske, deren Totenstarre so den Ausdruck eines Säuglings annimmt. Höhlungen und Ausbuchtungen mächtiger Eichenstämme muten menschlich an in dieser intimen Nachbarschaft. Die Herren Lory, Hebler oder Feller da oben sind aus Marmor und schon lange tot. Im fast perkussiven Rhythmus von Lieben, Leben und Sterben führt jetzt Frau Cahn Regie. Sie ist sich selbst Modell und Partnerin. Sie richtet ihre Ausstellung selber ein und ortet ein Schlachtfeld auch im fragmentierten Körper der Natur.

Keine Leserichtung
Abgesehen von dieser digitalen Slideshow bleibt die Ausstellung konzentriert auf Cahns analoge Bildproduktion. Liegt im Erdgeschoss der Fokus auf Leinwänden, sind im ersten Stock vor allem Zeichnungen und Scans ausgebreitet. Ungeschützt, fast ausnahmslos ohne Rahmen oder Glas, sind sie an die Wand gepinnt. Ein Kabinett erschliesst in Vitrinen teilweise noch nie veröffentlichte Zeichenhefte. Die Lagerung in geschlossenem Zustand hat Abdrücke hinterlassen, jetzt schauen dunkle Köpfe auf der jeweiligen Gegenseite in ihr eigenes Spiegelbild, und Schriftzüge haben ein kryptisch seitenverkehrtes Echo. Man kann von diesen nur scheinbar privateren Dokumenten ausgehen oder sich zunächst der Farbglut aussetzen, in die Flugaufnahmen von Fukushima getaucht sind: ‹Ich als Mensch› empfiehlt keine Leserichtung, sondern folgt einer eigensinnigen Choreografie, einem immer subjektiven, immer fordernden Taumel. Da ist eine, die ihre Nachtträume ernst nimmt und deren Landschaften sich mit Erinnertem mischen. Da ist eine, die nicht müde wird, Bilder von Krieg und Zerstörung auch in ihrer medialen Vervielfältigung als Provokation aufzunehmen. Händisch gliedert Cahn Panzer in ihr überpersönliches Menschen- und Menschheitsbild ein. Hautlos glühen Brüste, Gesichter sind Masken, Menschengruppen erscheinen wie heimlich einem Infrarotschimmer entrissen. Die Farben sind schön und das Geschlecht bleibt dominant. Mal Frau, mal Mann, auch Tier, sind Identitäten verschleiert. Cahns anhaltende Autopsie des Jetzt will den Bezug nach aussen: Im Erdgeschoss bestand die Künstlerin darauf, dass die Fenster, sonst mit Stellwänden dicht gemacht, offen bleiben. So haben die Ertrinkenden in ‹Blau›, 2017, die Baumkronen über der Aare als Gegenüber, und wir entkommen der Schwere, die dem immer wieder neu und anders isolierten Menschen eingeschrieben bleibt.

Isabel Zürcher, Kunstwissenschaftlerin und freie Autorin in Basel und Mulhouse. mail@isabel-zuercher.ch
 

Bis 
16.06.2019

Miriam Cahn (*1949, Basel), lebt in Stampa im Bergell

1968–1973 Studium an der Grafikklasse der Gewerbeschule Basel
Bis 1976 Zeichenlehrerin und wissenschaftliche Zeichnerin
1976 Delegierte der Organisation für die Sache der Frau (OFRA) am Warschauer Friedenskongress
Dezember 1979/Januar 1980 Nächtliche Kunstaktion mit Wandzeichnungen an der Nordtangente
1985–1989 Aufenthalt in Berlin, anschliessend Rückkehr nach Basel

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 ‹corporel/körperlich›, Aargauer Kunsthaus Aarau
2014 ‹corporel/körperlich›, Centre culturel suisse in Paris
2006 ‹Überdachte Fluchtwege›, Kirchner Museum Davos
2002 Centre PasquArt Biel
1977–2016 regelmässige Einzel- und Gruppenausstellungen in der Galerie Stampa, Basel
 
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 documenta 14 in Athen und Kassel
1984 Biennale in Venedig
1982 Einladung an documenta 7 Kassel und Rückzug des Beitrags vor der Eröffnung aufgrund eines kuratorischen Eingriffs von Rudi Fuchs

 

Institutionen Land Ort
Kunstmuseum Bern Schweiz Bern
Kunsthaus Bregenz Österreich Bregenz
Ausstellungen/Newsticker Datumabsteigend sortieren Typ Ort Land
Miriam Cahn – ICH ALS MENSCH 22.02.201916.06.2019 Ausstellung Bern
Schweiz
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Miriam Cahn 13.04.201930.06.2019 Ausstellung Bregenz
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Künstler/innen
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Autor/innen
Isabel Zürcher

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