Sündenbock

Amanda Todd · My story: Struggling, bullying, suicide, self harm, 2012, Videostill (→ Youtube)

Amanda Todd · My story: Struggling, bullying, suicide, self harm, 2012, Videostill (→ Youtube)

Vasen und Gefässe aus der Antike zeigen das Gewaltpotenzial der Mythen. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Vasen und Gefässe aus der Antike zeigen das Gewaltpotenzial der Mythen. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Hinweis

Sündenbock

Zürich — 2012 beging die 15-jährige Amanda Todd aus Vancouver Selbstmord. Drei Jahre zuvor hatte sie ihren entblössten Oberkörper per Webcam in einem Chat einem Mann gezeigt. Dieser leitete das Bild online weiter, woraufhin Todd in ihrer Schule und in den sozialen Medien so sehr gemobbt wurde, dass sie schliesslich, nach mehreren Versuchen, Selbstmord beging. Vorher veröffentlichte sie ein neunminütiges Video, in dem sie ihre Geschichte schweigend mithilfe von handgeschriebenen Zetteln erzählt. Mit Beispielen wie diesem endet die Ausstellung zum Sündenbock im Landesmuseum. Sie beginnt bei urzeitlicher Grausamkeit wie der rituellen Opferung von Erwachsenen oder Kindern, führt anhand von Vasenmalereien aus der griechischen Antike das hohe Gewaltpotenzial der mythischen Erzählungen vor und zeigt, dass die jüdische und christliche Religion begann, die Gewaltausbrüche zu unterbinden und die Gruppendynamik des gemeinsamen Tötens aufzubrechen. In der christlichen Passionsgeschichte wird Jesus nicht mehr als schwach und somit schuldig gesehen, sondern als unschuldiges Opfer beweint. Auslöser des kollektiven mörderischen Tuns waren nicht nur Neid oder Frustration, sondern auch Naturkatastrophen, Seuchen und Missernten. Für die damals unerklärlichen Phänomene brauchte man «Schuldige», in der Regel Schwache, d. h. Kinder, Frauen, Fremde, Aussenseiter. Ab der Aufklärung wurde die Selbstjustiz von Menschen zunehmend durch das Rechtsmonopol des Staates ersetzt – gemobbt allerdings wird bis heute, wie das Beispiel von Amanda Todd zeigt. Die Ausstellung unternimmt einen gigantischen Parcours durch die Gewaltgeschichte. Anhand von Rekonstruktionen, Vasen, aufgeschlagenen Bibeln, Christusfiguren, Wandzeichnungen und theatralischen Inszenierungen wird versucht, das Phänomen des Sündenbocks zu fassen. Platz hätte die tolle Schau auf einem Drittel der Fläche gefunden, nun braucht es allerhand szenografische Künste, um die grossen Räume zu füllen. Wissen wird über Kopfhörer vermittelt, die Führungen sind wirklich empfehlenswert, im Shop liegt – wie immer im Landesmuseum – interessante Literatur zum Thema aus. Einziger Wermutstropfen: Eine Publikation ist nicht vorgesehen, aber sapperlott, warum kann man das dichte, ja schon erarbeitete Wissen nicht in Form von Saalblättern vermitteln, die man gern nach Hause nehmen würde, um alles noch einmal zu verdauen.

Bis 
30.06.2019
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Nationalmuseum Schweden Stockholm
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Sündenbock 15.03.201930.06.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Brita Polzer

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