Werner von Mutzenbecher — Drehmomente

Werner von Mutzenbecher · 2 Figuren II (rot/schwarz), 2017, 55 x 58 cm, Acryl auf Baumwolle. Foto: Serge Hasenböhler

Werner von Mutzenbecher · 2 Figuren II (rot/schwarz), 2017, 55 x 58 cm, Acryl auf Baumwolle. Foto: Serge Hasenböhler

Besprechung

Der Ausstellungstitel ‹turn around› steht programmatisch für die jüngsten Werke von Werner von Mutzenbecher. Nachdem 2018 Spiegelungen im Vordergrund standen, bringt der Maler neu Drehungen ins Spiel und lotet damit die Beziehung zwischen Format, Figur und Grund auf eine neue, spannende Weise aus.

Werner von Mutzenbecher — Drehmomente

Basel — Wer die Ausstellung von Werner von Mutzenbecher (*1937) betritt, wird von einem grossen, grellroten Ausrufezeichen empfangen. Aufgepasst, diese Bilder können Schwindel erregen! Der Galerieraum ist durch ihre kraftvolle Präsenz aufgeladen. Zu sehen sind Drehmomente in Rot und Schwarz, lineare und flächige Gebilde, die wie abgelöste Fragmente eines monumentalen Welt-Ornaments in Erscheinung treten. Sie glühen wie rote Brandmale oder verlöschen als schwarze Zeichen. Ob mono­chrom oder mehrfarbig gemalt, sie stellen eine Herausforderung fürs Auge dar. Waren die früheren Spiegelungen eher achsen- und bildrandparallel, somit statisch angelegt, scheint die Komposition jetzt selbst zu rotieren. Drehung als künstlerisches Moment ist nicht nur ein universales Gestaltungsprinzip seit der Kunst antiker Kulturen, sondern auch Teil einer Bildsprache in konstruktiven und suprematistischen Bildschöpfungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit der Dynamisierung des Bildraums wird sowohl der Blick wie auch das Denken zum Kreisen verführt. In allen Werken von Mutzenbechers macht ein subtiler Raster aus Bleistiftlinien die Bildgenese erfahrbar. In unzähligen Zeichnungen auf quadrierten Papieren hält er sein Ideen fest, die, in Mappen gesammelt, das Fundament neuer Ordnungen bilden. Spielerisch und analytisch zugleich entstehen Kompositionen, die, auf wenige Vorgaben reduziert, eine Vielfalt neuer Gebilde hervorbringen. Dabei ist die Form nicht fixiert, entsteht vielmehr im Zeichnungsprozess, um später auf der Leinwand kraftvoll neu zu erscheinen. Dieser schier unerschöpfliche Strom an Entwürfen fügt sich schlüssig ins Œuvre ein, das seit den Sechzigerjahren auf einer geometrischen Formensprache aufbaut. Dazu gehören auch die jüngst entstandenen Kleinformate auf Packpapier. Gefaltet, geschnitten und bemalt, treten sie auf den schwarzen Wänden des Balkonzimmers der Galerie als totemartige Formen in Erscheinung. Das Vokabular von Mutzenbechers hat sich über die sechzig Jahre seines Schaffens vereinfacht. Die frühen Raumkomplexe sind verschwunden zugunsten einer vermeintlich flächigen Darstellung. Die neuen Werke sind radikaler in ihrem Grundtenor. Oft sind es zwei gleiche Formen, die, gedreht, als neue Konglomerate auftauchen. Durch das Wechselverhältnis ungleicher Werte in Bewegung versetzt, werden sie zum energetischen Gegenüber, das Sehen und Denken zur sinnlichen Einheit verschmilzt.

Bis 
11.05.2019
Ausstellungen/Newstickerabsteigend sortieren Datum Typ Ort Land
Werner von Mutzenbecher 23.03.201911.05.2019 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Autor/innen
Iris Kretzschmar
Künstler/innen
Werner von Mutzenbecher

Werbung