Carl Spitzweg

Carl Spitzweg · Irrlichter, um 1867/1868, Öl auf Holz, 31,3 x 53,7 cm, Courtesy Bayerische Staatsgemäldesammlungen München

Carl Spitzweg · Irrlichter, um 1867/1868, Öl auf Holz, 31,3 x 53,7 cm, Courtesy Bayerische Staatsgemäldesammlungen München

Carl Spitzweg · Der arme Poet, 1838, Öl auf Leinwand, 37,9 x 45 cm, Privatbesitz

Carl Spitzweg · Der arme Poet, 1838, Öl auf Leinwand, 37,9 x 45 cm, Privatbesitz

Hinweis

Carl Spitzweg

Winterthur — Wer sich je mit ihm befasst hat, weiss: Carl Spitzweg (1808–1885), der lange als Inbegriff «deutschen Wesens» und deutscher «Gemütlichkeit» galt, ist mehr und anderes. Die Kunst dieses Erzählers ist doppelbödig, fast unheimlich. Und seine Landschaften, gerade die Studien, sind von packender Unmittelbarkeit. Das alles ist nun im Museum Reinhart am Stadtgarten zu erfahren – wäre es, denn die Umstände haben auch dieses Museum zur Schliessung gezwungen. Dabei hatte es so gut mit viel Publikum begonnen, ist doch der ganze Spitzweg da zu erleben, zumindest was den Maler betrifft, denn auch als Zeichner hat er sich hervorgetan. Der ausgebildete Apotheker und naturwissenschaftlich Interessierte zeigt sich als grosser Menschenkenner – kritisch, skeptisch, ironisch, auch sich selbst gegenüber – und als Künstler, der all die Widersprüche seiner Zeit vereint und dessen Werk «stärker von Subversion durchdrungen ist, als es auf den ersten Blick erscheinen mag». Denn immer wieder rüttelt Spitzweg an der Ordnung der spiessbürgerlichen Gesellschaft und entlarvt die Biedermeier, indem er sie darstellt. 75 Werke haben Andrea Lutz und David Schmidhauser aus dem umfangreichen Œuvre ausgewählt: Genre- beziehungsweise Figurenbilder, Landschaften, in denen Natur und Menschengestalt gleichberechtigt erscheinen, Studien von ganz eigenem Zauber. Die Schau zeigt eine Reihe jener ikonografischen Werke, mit denen sich Spitzweg in unser Bildgedächtnis eingeschrieben hat, darunter ‹Der arme Poet› und andere skurrile, «aus der Gegenwart geflohene Existenzen» wie den ‹Bücherwurm›. Dass der mehr ist als ein wunderbarer Bildwitz, kann sich jeder selbst ausmalen: der Mensch auf der Suche nach Erkenntnis, in prekärer Balance zwischen abgründiger Bodenlosigkeit und realem, von aussen einfallendem Licht. Eindrücklich erinnert die Schau daran, dass Spitzweg ein kosmopolitischer Reisender war, der die bedeutendsten Metropolen und sprechende Landschaften kennenlernte, malend sich Fremdes anzueignen suchte und sich mit aktuellen Kunstströmungen – Freilichtmalerei, Vorimpressionismus – vertraut machte. Und immer bereitet der Meister des kleinen Formats seinen Figuren eine wunderbare Bühne, egal ob es sich um nicht allzu fromme Einsiedler, seltsame Wachposten und fahrendes Volk handelt oder um Menschen, die in grossartigen Nachtbildern aufgehen. Der Spitzweg-Forscher Siegfried Wichmann hielt einst fest, dass so, wie die Franzosen das hellste Tageslicht zur Darstellung gebracht hätten, Spitzweg das Nachtlicht für die Kunst entdeckt habe. 

→ Reinhart am Stadtgarten, bis 2.8.; mit virtuellem Rundgang; attraktiver Katalog; zudem empfehlenswert (antiquarisch): Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg. Reisen und Wandern in Europa ↗ www.kmw.ch

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Carl Spitzweg 12.05.202006.09.2020 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Angelika Maass
Künstler/innen
Carl Spitzweg

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