Carmen Perrin — Regarder le glacier s’en aller

Carmen Perrin · Regarder le glacier s’en aller, 2019, Prägedruck, 49 x 64 cm, Atelier Raynald Métraux, Lausanne

Carmen Perrin · Regarder le glacier s’en aller, 2019, Prägedruck, 49 x 64 cm, Atelier Raynald Métraux, Lausanne

Carmen Perrin · Weg auf dem Rhonegletscher zur Eisgrotte, 2019, Fotografie

Carmen Perrin · Weg auf dem Rhonegletscher zur Eisgrotte, 2019, Fotografie

Besprechung

Ein kleiner Walliser Kunstverein, dem ich angehöre, gibt jedes Jahr eine Originalgrafik in Auftrag. Im vergangenen Jahr ging die Anfrage an die Genfer Künstlerin Carmen Perrin. Bei der Übergabe des Blatts bekamen wir Mitglieder eine kurze Geschichte von einem Projekt zum Rhonegletscher zu sehen und zu hören.

Carmen Perrin — Regarder le glacier s’en aller

Furka — Die Genfer Künstlerin Carmen Perrin (*1953, La Paz) war 2019 Gast von ­Furka Zone und residierte im Sommer im Hotel Furkablick. Ihre Druckgrafik ­‹Regarder le glacier s’en aller›, 2019, ist der Auftakt zu einem längeren interdisziplinären Projekt. Das Blatt zeigt eine abstrakte Eislandschaft, über der eine schwarze Wolke wie ein Schatten hängt. Es trägt einen Schriftzug in Prägedruck von wenigen Millimetern Grösse: «Regarder» und «le glacier s’en aller». Von weitem nehmen wir diesen Satz nicht wahr. Das Bild und seine Inschrift sind eng mit dem Aufenthalt auf dem Furka­pass verbunden. Nach einer ersten Wanderung Anfang Juli 2019 zum nahen Rhone­gletscher war Perrin, die diese Eismasse fast dreissig Jahre nicht mehr gesehen hatte, schlicht entsetzt. Die Spitze der Gletscherzunge war mit Polyestervlies bedeckt, um den Eingang zur Eisgrotte zu sichern. Die Bahnen waren schmutzig und hingen traurig herunter. Eine Art notdürftiger Verband. Carmen Perrin denkt über Möglichkeiten nach, wie der sich seit 1850 zurückziehende Gletscher der Schweiz ohne diese Abdeckplanen in Würde verschwinden könnte. Ihre Idee: Die Planen müssen weg. Der Gletscher soll sich möglichst naturnah zurückziehen können. Der Gletscher gehört dem Kanton Wallis, der ihn vor Jahrzehnten gekauft hat. Die Besitzerfamilie des Hotels Belevedere kann ihn nutzen, was sie mit dem jährlichen Errichten der Gletscherkaverne und einem Souvenir-Shop in der ­Kurve beim ehemaligen Hotel tut. «Ich möchte meine plastische Sprache dafür einsetzen, dass der Rhonegletscher ein würdiger Raum für sich selbst und seinen Rückzug wird», sagt die Künstlerin. «Die Gletscher schmelzen ab, wir sehen das und müssen damit umgehen.» Derzeit ist die Künstlerin dabei, den zweiten plastischen Teil zu konzipieren, eine Skulptur, die sich auf die Architektur des Furkablick-Hotels bezieht – vor allem den Raum 21, wo die Künstlerin schlief – und dessen Situation inmitten der alpinen Landschaft sowie der im Sommer geöffneten Passstrasse. Carmen Perrin hofft, im Jahr 2020 auf den Furkapass zurückzukehren, um an dem Projekt weiterzuarbeiten. Sie steht in Kontakt mit verschiedenen Personen, die das Projekt und ihre Absichten begleiten und unterstützen, unter anderem mit dem bekannten französische Anthropologen Philippe Descola. Ich hoffe, die Corona-Epidemie wird die Arbeit von Perrin nicht stoppen. 

Autor/innen
Sibylle Omlin
Künstler/innen
Carmen Perrin

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