Das Grosse Rätsel - Als ob

San Pedro, Brasilien, 8.10.2019. Foto: SH

San Pedro, Brasilien, 8.10.2019. Foto: SH

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Das Grosse Rätsel - Als ob

Es ist wirklich sehr schade, dass ich kein Maler bin. Denn das kleine Tal bei San ­Pedro, keine zehn Autominuten hinter der Favela von Bento Gonçalves, ruft geradezu nach einem künstlerischen Echo: das Flüsschen, das sich leise durch die Landschaft gurgelt; die Jaracanda, die ihre lavendelfarbenen Blüten in den Milchhimmel streckt; die Trompetenbäume, die sich gelb über den Rasen ergiessen; die ziegelroten Häuschen, die Rebberge, der subtropische Wald. All dies stupst einen Geist in mir wach, der sofort eine Staffelei aufstellen, eine Leinwand einspannen, Farben mischen, Pinsel zur Hand nehmen möchte. Hängen unsere Kunstmuseen denn nicht voller Bilder, die an ebensolchen Orten entstanden sind, an lauen Nachmittagen wie diesem? Allerdings merke ich jetzt, dass ich hier sicher kein Gemälde produzieren, noch weniger eins mit nach Hause nehmen will. Ich möchte also nur so tun als ob. Ich möchte die Haltung eines Malers einnehmen, seine Zugewandtheit imitieren, seinen Blick nachmachen, der beständig zwischen Detail und Totale hin und her springt, begeistert, beschäftigt ohne Unterlass. Ich möchte dem Stück Erde vor mir und dem Moment eine Bedeutung geben, die über den Ort, über den Augenblick hinausreicht. Und das kann fast nur die Kunst. Natürlich soll diese Bedeutung auch auf mich zurückspringen, will ich eine Rolle spielen in dieser Landschaft, einen Grund haben, hier zu sein – ähnlich wie der «peintre du dimanche»  ...   .
Vielleicht ist es ja genau das, was ich jetzt gerade bin: ein Sonntagsmaler ohne Pinsel und Farbe.

Samuel Herzog, freier Schreiber (Kunst & Kochen). herzog@hoio.org
 

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Autor/innen
Samuel Herzog

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