Editorial — El Anatsui: Glanz und Grossmut trotz allem

El Anatsui · The Beginning and the End, 2015, Flaschenverschlüsse, Aluminium, Kupferdraht, ca. 600 x 1400 cm, Courtesy Axel Vervoordt Gallery, Wijnegem © Kunstmuseum Bern

El Anatsui · The Beginning and the End, 2015, Flaschenverschlüsse, Aluminium, Kupferdraht, ca. 600 x 1400 cm, Courtesy Axel Vervoordt Gallery, Wijnegem © Kunstmuseum Bern

Editorial

Editorial — El Anatsui: Glanz und Grossmut trotz allem

Der Künstler hat seine Anreise zur Eröffnung kurzfristig abgesagt, doch ein Teil seines Teams sitzt, nach getaner Arbeit, im Festgewand in den ersten Reihen. In einem Haus, das sich nun selbst in feierlichem Ornat präsentiert. An den Wänden schillern riesige Gehänge, handgemacht in wochenlanger Arbeit. Die metallischen Gewebe wecken auf den ersten Blick Assoziationen an Kettenhemden oder Paillettenkleider. Dem Berner Kunstmuseum – dem ältesten Museumsbau der Schweiz – ist jede Behäbigkeit abhandengekommen. Auf der einen Seite hängt neben der holzgetäferten Tür El Anatsuis dunkel schimmernde Skulptur ‹The Beginning and the End› und vis-à-vis, ebenfalls raumhoch und sich in schweren Falten stauend, das brandrote Gegenstück ‹The Red Block›. Beide Werke sind aus Verschlusskappen zusammengenäht, das zweite – wie in der informativen Broschüre nachzulesen ist – aus Verschlüssen von Rumflaschen. Wie kamen diese Unmengen Rum nach Afrika, wo kam er her, wer wurde damit billig entlöhnt? Die prunkvollen Gehänge setzen ein starkes Mahnmal gegen die koloniale Ausbeutung und das jahrhundertelange Unrecht der Sklaverei. Wenige Tage später wurde die Schau geschlossen und unser Alltag hat sich fundamental verändert. Corona hat die Welt klein gemacht, das Virus springt von Kontinent zu Kontinent, die Grenzen sind dicht und viele müssen ihre Existenzgrundlage neu erfinden. Auch aus dieser Warte ist der Blick auf den ghanaischen Künstler eine Motivation: El Anatsui ist ein Meister der Verwandlung. Ganz egal, ob er Holz, leere Konservenbüchsen oder einen Bleistift zur Hand nimmt, er arbeitet so lange, bis Strukturen aufscheinen, Rhythmen spürbar werden, das Formlose Form annimmt, das Wertlose zu einem Wert wird. Ja, Kunst ist kein Schönwetterprogramm. Grad in Krisen zeigt sie ihre transformierende Kraft.

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
El Anatsui. Triumphant Scale 12.05.202021.06.2020 Ausstellung Bern
Schweiz
CH
Künstler/innen
El Anatsui
Autor/innen
Claudia Jolles

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